Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat ein Wolf zwei Mutterschafe einer Herde bei Körbelitz getötet. Die Kadaver liegen mehrere hundert Meter auseinander, als die beiden Schäfer Andreas Karwath und Siegfried Häßler sie finden. Weitere acht Lämmer werden vermisst.

Körbelitz l Die Spuren des ungleichen Kampfes sind noch am Vormittag zu sehen. Schafswolle liegt über hunderte Meter verteilt auf einem Feld bei Körbelitz. Hier und da ist die Erde noch blutgetränkt. Die beiden Kadaver liegen ausgeweidet da, von einem fehlt die Hälfte. "Die Tiere haben um ihr Leben gekämpft. Sie wurden bei lebendigem Leib zerfleischt", deutet Schäfer Andreas Karwath die Spuren. Er und sein Kollege Siegfried Häßler haben den Fund am Freitagmorgen gemacht. Neben den beiden toten Schafen sind weitere zehn Lämmer verschwunden. "Die haben sie wohl verschleppt", sagt Karwath. Der Schäfer ist mitgenommen. In diesem Ausmaß ist es das erste Mal, dass ihm so etwas passiert sei. "Der seelische Schaden ist mitunter schlimmer als der finanzielle", sagt er und kann die Tränen nicht verbergen.

Die beiden Schäfer gehen von einem oder mehreren Wölfen als Täter aus. "Die Spuren sind eindeutig. Den Tieren wurde in die Kehle gebissen, und dann wurden sie fast 25 Meter vom Tatort weggeschleppt. Bei einem 90 Kilogramm schweren Tier muss das ein sehr starker Wolf gewesen sein", erklärt Karwath. "Ein Schaf wurde fast ganz aufgefressen. Das sind 40 Kilogramm Fleisch. Das hat einer nicht alleine gemacht", vermutet Häßler.

Andreas Berbig von der Referenzstelle Wolf des Biosphärenreservats Mittelelbe war gestern noch vor Ort, um ein Gutachten zu dem Fall zu erstellen. "Mit hoher Wahrscheinlichkeit war es ein Wolf", sagt der Fachmann. Die Spuren an den Kadavern seien typisch für das Vorgehen eines Wolfes. "Ob die Bissspuren an den Kehlen der Schafe eindeutig dem Wolf zuzuordnen sind, kann ich jetzt von hier aus noch nicht sagen", schränkt der Experte ein. Gemeinsam mit dem Nabu-Kreisverband wurde den Schäfern geholfen einen neuen Zaun zu errichten. "Falls der Wolf wiederkommt, wollen wir ihn abschrecken", erklärt Berbig. Der Mensch müsse jetzt aber keine Angst haben, so der Experte.

Ein Wohnwagen würde den Schäfern helfen

Dass es in diesem Gebiet Wölfe gibt, sei nichts Neues, sagt auch Klaus Puffer, Wolfsbeauftragter des Bundesforstbetriebes Nördliches Sachsen-Anhalt. "Wir haben in dem Gebiet Wörmlitz und Körbelitz eine Liegenschaft mit Fotofallen. Dort wurden bereits des Öfteren ein oder zwei Wölfe gesichtet", erklärt Puffer. Aber einen Nachweis über Jungtiere in diesem Gebiet gebe es bislang noch nicht, so der Wolfbeauftragte.

Der Vorfall hat auch die verbliebenen sechs Mutterschafe der Herde von Andreas Karwath aufgebracht. "Die Tiere sehen momentan auch den Hund als Feind", sagt er. Letztendlich könne man aber noch glücklich sein, dass nicht noch mehr passiert sei. "Die Landwirte haben Angst, dass der Wolf mal eine Herde aufscheucht und ein Schaf oder ein Pferd auf die Straße gelangt und schwere Unfälle verursacht", sagt Karwath. Zudem befürchtet er, dass der Wolf wiederkommen könnte. "Wenn der auf den Geschmack gekommen ist, kommt er auch wieder", ist sich der Schäfer sicher.

Karwath und Häßler haben aus dem jüngsten Vorfall schon die ersten Konsequenzen gezogen. Einige Schafe und die frischen Lämmer werden in eine andere Herde gebracht. Um einem weiteren Angriff vorzubeugen, werben die Beiden um Unterstützung aus der Bevölkerung. "Wenn wir einen alten Wohnwagen bekommen könnten, würden wir auch hier draußen schlafen", betont Karwath. Für ihn ist es die zweite Hiobsbotschaft binnen weniger Tage. Seinen Schafspudel, der nach seinen Angaben von einem Mann bei Wörmlitz aufgegriffen wurde, hat er bislang auch noch nicht wiedergefunden.

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