Helmut Menzel, Leiter der Fachgruppe Militär- und Garnisonsgeschichte Magdeburg, sucht Zeitzeugen für das Ende des Zweiten Weltkrieges in Gommern. Wie es vor 70 Jahren in der Stadt und ihrer Umgebung aussah, schildert er in diesem Beitrag.

Gommern l Archäologen schaufelten und kratzten Ende 2014 im Gewerbegebiet östlich Gommern jenseits der Bahnlinie anlässlich bevorstehender Baumaßnahmen im Erdreich - eine Routinegrabung. Plötzlich trat verrosteter Schrott zutage. An sich nichts Spektakuläres. Aber, da tauchte auch Munition auf. Der herbeigerufene Munitionsbergungsdienst brachte Aufklärung. Es handelte sich um 3,7 Zentimeter Flakmunition und schnell war auch der Schrott als mittelleichtes Flageschütz identifiziert. Da die leichte Flak damals immer in Dreierkombination zur Objektverteidigung Aufstellung fand und hier nur ein zertrümmertes einzelnes Geschütz gefunden wurde, wurden Fragen laut. Die Fachgruppe Militär- und Garnisonsgeschichte Magdeburg wurde befragt, da gerade sie zu den Ereignissen zum Kriegsende wissenschaftlich recherchiert.

Der Fundort verriet, dass es in respektabler Entfernung zur damaligen Zuckerfabrik nichts zu verteidigen gab. Aus bisherigen Recherchen geht hervor, dass man von Dannigkow durch die Neu Köthener Mark östlich Gommerns eine Rückzugslinie mit MG-Nestern und einzelnen leichten Flakgeschützen für den Erdkampf errichtet hatte. Das geschah bereits um den 12. April 1945. Der Bürgermeister von Gommern hatte die Bevölkerung mit Hacke und Schaufel antreten lassen. Schanzarbeiten waren angesagt. Alle die rechts der Ehle wohnten, hatten sich auf dem Sportplatz Salzstraße aufzustellen und die von links der Ehle auf dem Kirchplatz. Das betraf alle männlichen Einwohner zwischen 13 und 60 Jahren und alle weiblichen im Alter zwischen 16 und 35 Jahren. Geschanzt wurde auf besagter Rückzugslinie und an den Waldrändern Plötzky-Pretzien, wo auch zwei mobile schwere 8,8 Zentimeter Flakgeschütze für den Erdkampf in Stellung gebracht wurden. Die Bevölkerung konnte ahnen, was das zu bedeuten hatte.

US-Infanterie blieb auf verlorenem Terrain

Die ersten US-Panzerspitzen hatten am 11. April 1945 Magdeburg-Groß-Ottersleben erreicht und bereits am 12. April Schönebeck besetzt. Ein Brückenkopf sollte auf der Ostseite der Elbe bei Westerhüsen als Ausgangspunkt zum Marsch auf Berlin errichtet werden. Sturmboote brachten amerikanische Infanterie bei Dunkelheit über den Fluss. Schweres Kriegsgerät sollte folgen, wenn die Spurbahnbrücke errichtet sei. Doch dazu sollte es nicht kommen. Ein gut getarnter deutscher Artilleriebeobachter wies die deutsche Artillerie von Magdeburg und vom Raum Gommern vortrefflich ein. Jede Bewegung des Brückenbaues wurde mit deutschen Granaten vereitelt, die bereits verlegten Gummipontons auf der Elbe zerstört. Die US-Infanterie blieb auf verlorenem Terrain. Schließlich kämpften sich die GIs nach Süden bis Elbenau durch, wo sie dann unter Hauptmann Rieger mit Sturmgeschützen der Sturmgeschützbrigade 1170 aus Burg und unterstützt durch Infanterie des 1. Grenadier Bataillon Langmaier vom Inf.-Rgt. 2 "Scharnhorst" erfolgreich niedergekämpft wurden. Das geschah am 13. und 14. April 1945. Zirka 300 GIs gingen in deutsche Gefangenschaft und wurden über Gommern und Menz nach Altengrabow eskortiert. Viele US-Infanteristen starben bei den ungleichen Gefechten, und der Rest rettete sich schwimmend über die Elbe. Erst in Barby gelang es der 83. US-Infanterie, erfolgreich einen Brückenkopf zu bilden.

Während der Kämpfe im Brückenkopf Westerhüsen-Schönebeck war bei Elbenau am 14. April ein amerikanischer Thunderbolt-Jäger in ein Wäldchen abgestürzt. Was war geschehen?

Die Amerikaner hatten Luftunterstützung angefordert. Eine Staffel Jabos kam nördlich Magdeburgs heran und schwenkte auf Gommern ein. Der Pilot der ersten Thunderbolt bemerkte östlich der Bahnstrecke Gommerns mitten auf einem freien Acker einen einzelnen Heuhaufen, aus dem ein Geschützrohr ragte. Als er das Feuer eröffnete, schoss auch das verborgene 3,7 Zentimeter Flakgeschütz und traf den Flieger. Der Pilot konnte aussteigen und geriet in Gefangenschaft. Die Thunderbolt stürzte bei Elbenau in den Wald. Die nachfolgenden Flieger nahmen das Geschütz unter Feuer und zerstörten es mit einzelnen Bomben. Aus dem Flugbericht ist weiter zu entnehmen, dass nun einige Scheunentore am Ortsrand Gommerns sich öffneten und Panzerfahrzeuge heraus kamen, die nun ebenfalls beschossen wurden. Es entspann sich ein regelrechtes Gefecht. Dann verschwanden die Jagdflugzeuge... Möglicherweise handelte es sich bei dem Ende 2014 aufgefundenen Geschützrest um das aus dem vorstehend erwähnten Flugbericht beschriebene Flakgeschütz. Was aus der Geschützbedienung wurde, ist nur zu erahnen.

SS-Einheit und Soldaten in Schulen einquartiert

Während der Kämpfe im Brückenkopf wurde auch die Region Gommern vom Westufer der Elbe aus durch US-Artillerie beschossen. In der Zeit vom 14. bis 16. April 1945 waren durch Beschuss und Tieffliegerangriffe acht bis zehn Opfer an Zivilisten und Soldaten zu beklagen, die auf dem Friedhof in Gommern ihre letzte Ruhe fanden. Es gab aber auch andere Opfer. Der Soldat Schubert wusste sehr wohl, dass der Krieg in den letzten Zügen lag und hatte bereits seine Schulterstücke entfernt, um sich zu den Amerikanern abzusetzen. Dabei wurde er ertappt und Major der Waffen-SS Sparbier veranstaltete eine Exekutionsveranstaltung. Er wurde an einer Weide am Bahnübergang erschossen und sein Körper anschließend daran aufgehangen. In Gommern befand sich damals eine SS-Einheit und Soldaten waren in beiden Schulen des Ortes einquartiert. In der Post von Gommern soll sich der Gefechtsstand von Karl Rieger befunden haben. Rieger befehligte zirka elf Sturmgeschütze, die von Burg hierher beordert waren. Diese standen in der heutigen Martin-Schwantes-Straße, wo sie allerdings nur betankt wurden.

Auf Wasserburg ein Befehlsstand eingerichtet?

Zeitzeugen wollen auch wissen, dass in der Wasserburg ein Befehlsstand der Wehrmacht eingerichtet gewesen sein soll. Im Gasthaus "Zur Fähre" zwischen Plötzky und Schönebeck befand sich ein provisorischer Verbandsplatz. Weitere militärische Angaben fehlen. Deshalb sind Zeitzeugen Gommerns aufgerufen, ihr Erlebtes für die Nachwelt zu berichten.

Immer näher rückten nun die Einheiten der Roten Armee. Am 2. Mai ordnete der Bürgermeister auf Weisung des Kampfkommandanten den Bau von Panzersperren an, die aber letztlich geöffnet blieben. Wo waren diese?

Am 5. Mai 1945, gegen 20 Uhr, erreichten die ersten russischen Soldaten Gommern, aufgesessen auf schweren Panzern, gefolgt von Lkw und Panjewagen. Sie kamen bei Graßhoff um die Ecke und bogen in die Salzstaße ein. Am Viktoriaplatz gab es einen kurzen Halt und dann ging es weiter in Richtung Plötzky. Später folgten Pferde- und Rinderherden auf die Elbwiesen.

Bisher war nicht klar, um welche Einheiten es sich handelte. Dem Autor gelang es, im Militärarchiv in Podolsk zu stöbern. Speziell in den Magdeburger ostelbischen Raum stieß die 69. Armee mit ihren Korps und Divisionen vor. Das 25. Schützenkorps mit der 77. Garde-Schützendivision (105., 276., 324. und 239. Sch. Rgt.) erreichte westlich Gommerns den Raum Pechau, Wahlitz und Randau und das 61. Schützenkorps mit der 247. Schützendivision (909., 916., 920. und 778. Sch. Rgt.) den Raum südlich Gommerns, zwischen Elbenau, Ranies und Dornburg. Der Stab des 25. Schützenkorps befand sich in Wörmlitz.

Eine Reihe von Fliegerabstürzen

In der Umgebung Gommerns gab es auch eine Reihe von Fliegerabstürzen, so am 4. Dezember 1943 eine Lancaster bei Möckern, nahe Landhaus Zeddenick, in der Nacht des Großangriffs auf Magdeburg am 21. Januar 1944 sieben Lancaster und eine Halifax bei Ranies, Pretzien, davon zwei bei Gommern, zwei Kilometer nordöstlich, Dannigkow, zwischen Landhaus Zeddenick und Wahlitz, zwischen Wörmlitz und Ziepel, nahe Ladeburg-Dannigkow. Am 27. Januar 1944 ebenfalls eine Lancaster bei Gommern, 20. Februar 1944 zwischen Pechau und Wahlitz eine B-17, am 7. Mai 1944 Nedlitz zwei Kilometer östlich eine B-17, 28. Mai 1944 eine Mustang Vogelsang-Gommern und die oben beschriebene Thunderbolt bei Elbenau. Auch hierfür sind Zeitzeugenaussagen von Bedeutung.

Was sich in Gommern und Umgebung zu dieser Zeit zugetragen hat, liegt noch im Dunkeln. Auch hier sind Zeitzeugen gefragt, die damals noch Kinder oder Jugendliche waren. Auch Informationen, was ihre Eltern ihnen mitteilten, sind von Wichtigkeit. Wenn es noch schriftliche Aufzeichnungen und Briefe gibt, dann helfen sie, Lücken in den Archiven zu schließen. Der Autor besucht auf Wunsch auch Zeitzeugen, um Interviews mit ihnen unter vier Augen zu machen.