Am 28. November wurde in Gardelegen ein neuer Stadtrat gewählt. Die Volksstimme stellt Ihnen täglich eine(n) der 36 Ratsfrauen und Ratsherren vor.

Zichtau. Frauen können mehrere Dinge auf einmal tun. Wer diesen Spruch irgendwann einmal erfunden hat, muss Astrid Läsecke gekannt haben. Denn für das, was die 45-Jährige täglich leistet, auf die Beine stellt oder organisiert, müsste sie eigentlich drei Leben haben.

Selbstverständlich hat aber auch die Zichtauerin nur eines, und das begann im Oktober 1965 im Gardeleger Krankenhaus. Dort wurde sie als zweite Tochter eines Ingenieurs und einer Finanzbuchhalterin geboren. Groß geworden in Zichtau – "Ich hatte eine ganz tolle Kindheit" – machte sie nach acht Jahren Schulzeit in der Polytechnischen Oberschule Estedt schließlich 1984 in Gardelegen Abitur und begann im selben Jahr ein Lehrerstudium in Halle mit den Fachrichtungen "Biologie und Pionierleiter".

Und dafür "schäme ich mich kein bisschen", sagt Astrid Läsecke auch heute noch selbstbewusst. "Denn das war genau das, was ich wollte. Und mal ganz ehrlich, wenn ich an Subbotniks oder Altstoffsammlungen denke, das waren doch richtig tolle Aktionen."

Ihr Traumberuf indes ist schließlich doch eher kurzlebig. Schon 1990 "war nix mehr mit Pilei". Mit der Wende löste sich auch die DDR-Pionierorganisation auf. Astrid Läsecke fand in Kakerbeck eine neue Herausforderung als Biologielehrerin und Hortnerin und wechselte 1991 schließlich an die Förderschule für Geistigbehinderte in Letzlingen. Und hier habe sie ihre Bestimmung gefunden, erzählt Läsecke. Für die Arbeit mit den behinderten Kindern nimmt sie sogar noch einmal die Hürde eines berufsbegleitenden Studiums auf sich und lässt sich zusätzlich zu ihrem Lehrerjob in Halle zunächst drei Jahre lang zur Sonderschulpädagogin, einige Zeit später auch noch ein Jahr lang zur Sportlehrerin ausbilden.

Beruflich ist sie damit angekommen. Die Schule, die mittlerweile ihr Domizil in Gardelegen gefunden hat, ist einer ihrer Lebensinhalte. Denn davon gibt es in Astrid Läseckes Leben durchaus noch ein paar mehr.

Da ist zum einen der Sport: Volleyball und Handball und das Walken durch den Zichtauer Wald. Da ist die Zichtauer Feuerwehr, in der Astrid Läsecke nach der Wende die Frauenmannschaft mit aufgebaut und in der sie sogar die Truppfrau-Ausbildung gemacht hat. Da sind die geliebten "Strandmäuse" – seit 2000 ist die quirlige Zichtauerin nämlich Mitglied der fröhlichen Tanzgruppe, die auf so mancher Feier für Stimmung sorgt, und nicht zuletzt engagiert sich Läsecke natürlich lokalpolitisch. Seit der Wende mischt sie erst als Gemeinderatsmitglied, später als Bürgermeisterin die Karten von Zichtau mit. Seit knapp zwei Jahren arbeitet sie zudem als Kreistagsmitglied gleich in drei Ausschüssen mit. Und nichts davon wird ihr zuviel. "Ich liebe es einfach, mit Menschen zu arbeiten", sagt sie und lächelt angesichts eines Pensums an sozialem Engagement, das locker für drei reichen würde.

Doch als ob das alles nichts wäre, bewältigt Astrid Läsecke auch noch privat eine Situation, die sich wohl nur wenige zutrauen würden: Denn nach einem tragischen Schicksalsschlag in der Familie nahm sie vor 24 Jahren den jüngsten Sohn ihrer Schwester bei sich auf (sein Bruder zieht zu den Großeltern). "Das war zwei Wochen vor unserer Hochzeit", erinnert sie sich. Für sie und ihren Mann Ralf habe damals sofort festgestanden, dass sie den Jungen gemeinsam großziehen würden. Damals wissen die zwei allerdings noch nicht, dass Marco geistig und körperlich behindert ist. "Aber das hätte an unserer Entscheidung auch nichts geändert", sagt Astrid Läsecke. Und wer sie hört, hat keinerlei Zweifel daran. Und so wächst Marco liebevoll umsorgt gemeinsam mit Läseckes Tochter Frances auf, die 1988 geboren wird. Durch die schwere Behinderung des Jungen wird zwar vieles, das für andere Familien selbstverständlich ist, zum Kraftakt – "Meine Diplomarbeit habe ich zum Beispiel nachts geschrieben". Doch Astrid Läsecke und ihr Mann Ralf bewältigen den Alltag mit Mut, Humor, Gelassenheit und einem großartigen Familienzusammenhalt, der auch die Eltern mit einbezieht, und sie haben dazu auch noch einen großen Freundeskreis, für den allerdings "dann manchmal doch nicht so viel Zeit bleibt."

Zeit wird sie nun auch für ihre politische Arbeit im Gardeleger Stadtrat brauchen. Denn im November wurde Läsecke mit einer beeindruckenden Zahl von 461 Stimmen zur Ratsfrau. "Da war ich ganz gerührt", versichert sie.

Zeit will sie als Ortsbürgermeisterin aber natürlich auch für ihre Zichtauer haben. Und nicht zu vergessen, für den Förderverein Waldbad, mit dessen Hilfe die Einrichtung letztendlich immer noch besteht. Da ist sie sogar die Vorsitzende. Wer sonst?

Kleine Schritte macht sie eben prinzipiell nicht. Auch wenn die großen Schritte manchmal zum Spagat werden. Aber wie gesagt: (manche) Frauen können viele Dinge gleichzeitig tun.