Viele Auftritte haben der Chor der Lebenshilfe Altmark West und vier Instrumentalisten - zum Großteil gehörlos - bereits gegeben. Die Volksstimme begleitete Ingrid Achtert und ihre Schüler bei den Proben.

Mieste. Wenn Ingrid Achtert aus Mieste immer montags nachmittags ins Wohnheim der Lebenshilfe Altmark West in Mieste kommt, dann wird sie dort schon sehnlichst erwartet. Ihre Schüler stehen dann schon bereit - mit Xylophon und Notenblättern ausgerüstet. Peter Schönbeck und Jens Fiedler lernen bei Ingrid Achtert das Xylophon spielen, Thomas Böwe lernt Keyboard spielen. Alle drei haben eines gemeinsam: Sie machen gern Musik. Hören können sie allerdings nicht, was sie spielen. Denn die drei sind gehörlos. Dennoch sind sie mit Begeisterung dabei, wenn sich Ingrid Achtert, manchmal mit Strenge, vor allem aber mit viel Liebe und Hingabe mit den Männern und ihrer Leidenschaft fürs Musizieren befasst. Einen ganzen Nachmittag ist Ingrid Achtert dann bei der Lebenshilfe zu Gast.

"Sie wollen zeigen, dass sie auf der musikalischen Schiene etwas können"

Erster Schüler ist am Montag Peter Schönbeck. In einer gemütlichen Sitzecke aus Couch und Sesseln auf einem Sonnenlicht durchfluteten Flurstück baut er eilig sein Xylophon auf. Der 30-Jährige spielt bereits seit sechs Jahren dieses Instrument. Angefangen hat er mit einem kleinen Xylophon. Inzwischen hat er sich ein größeres Instrument mit hölzernem Klangkörper zusammengespart. Er spielt sogar zweistimmig darauf, kann inzwischen auch punktierte Noten spielen.

Ein wenig aufgeregt wirkt Peter Schönbeck an diesem Tag, denn schließlich kommt die Presse nicht alle Tage ins Haus. Ingrid Achtert breitet die Notenblätter auf dem Tisch aus. Weil Peter Schönbeck inzwischen sogar schon zu Geburtstagen auftritt, übt er derzeit Stücke, die dazu passen. "Hoch soll sie leben" und "Zum Geburtstag viel Glück" sind die ersten beiden Lieder, die er spielt - erst einstimmig, dann zweistimmig.

Ingrid Achtert sagt, ihr Schüler sei sehr intelligent, in der Werkstatt der Lebenshilfe als flinker Arbeiter bekannt. Flink und geschickt stellt er sich auch beim Xylophonspiel an. Schwarze Noten gibt es auf den Liedzetteln nicht. Die Notenblätter kommen äußerst bunt und fröhlich daher. Das ist nicht nur hübsch anzusehen. Dahinter steckt ein System. Die einzelnen Noten tragen Farben, die sich auch auf den Tasten des Xylophones wiederfinden.

Aber wie bringt Ingrid Achtert den Männern den Rhythmus bei, hören können sie ihn ja schließlich nicht? "Durch Körpersprache", sagt sie. Im Gehen oder durch Klatschen, durch die Bewegung ihrer Hand kann sie den Männern den Rhythmus begreiflich machen. Außerdem zählen sie im Kopf ganz genau mit, damit sie zum Beispiel halbe und ganze Noten in der richtigen Länge klingen lassen.

Überhaupt funktioniert die Kommunikation vor allem über die Körpersprache. Denn in der Gebärdensprache hat Ingrid Achtert lediglich Grundkenntnisse. Doch es funktioniert. Stolz schaut Peter Schönbeck Ingrid Achtert am Ende der Darbietung an, um Anerkennung einzuheimsen, die Ingrid Achtert ihm gern schenkt.

"Sie spüren, wenn ein Lied einen besonders schönen Rhythmus hat"

Zu ihren Schülern gehören ausschließlich Gehörlose. Warum gerade sie sich für die Musik begeistern? "Ich nehme an, dass sie zeigen wollen, dass sie auf der musikalischen Schiene etwas können", antwortet Achtert. "Sie wollen sich zeigen, sich präsentieren, denn sie sind von vielem ausgeschlossen", erklärt Achtert auf dem Weg durch die Flure zu ihrem zweiten Schüler, Jens Fiedler. Fiedler gilt als Gehörloser mit Resthörvermögen. Zweistimmig spielen kann Fiedler nicht. Und bei ihm braucht Ingrid Achtert besonders viel Geduld - die sie gern aufbringt. Mit dem 33-Jährigen musste sie zunächst üben, Farben zu unterscheiden, damit er spielen kann. Und manchmal benötigt er dabei noch heute Ingrid Achterts Hilfe. Nachdem Achtert die Notenblätter hervorgeholt hat, sucht sich Jens Fiedler zielgerichtet eines der Blätter aus. Er hat seine Lieblingslieder, auch wenn er nicht hören kann. "Wahrscheinlich spüren sie, wenn ein Lied einen besonders schönen Rhythmus hat", vermutet Ingrid Achtert. "Lieder, die er nicht mag, die schiebt er auch weg", sagt sie. Inzwischen kann Jens Fiedler inklusive Weihnachtsliedern zirka 25 Lieder spielen. Schon oft hat er damit auch ein größeres Publikum begeistert. Und auch in der Lebenshilfe weckt Jens Fiedler, mit dem Achtert im Speiseraum übt, die Neugier der übrigen Mitbewohner, die sich rund um den Tisch versammeln und Achtert und ihrem Schüler über die Schulter blicken.

"Ich freue mich jeden Montag darauf, hierherzukommen", sagt Achtert auf dem Weg zu ihrem dritten Schüler, Thomas Böwe, der Keyboard spielt. "Es macht Spaß zu sehen, mit wieviel Freude und Disziplin sie dabei sind", sagt Achtert. Das sei auch ein Ausdruck von Freude und Dankbarkeit. Überhaupt würden die Menschen viel aus Liebe zu ihrem Betreuer tun. So scheint es auch bei Thomas Böwe, der immer wieder zu Achtert blickt und scheinbar auf einen freudigen, lobenden Ausdruck in Ingrid Achterts Gesicht wartet. Und wenn sie lächelt und ihn lobt, weil er die Finger auf der Keyboard-Tastatur richtig gesetzt hat, dann freut sich auch Thomas Böwe. Das Prinzip, mit dem Achtert dem 26-Jährigen das Klavierspiel beibringt, ist das Gleiche wie auch beim Xylophon. Die Noten haben Farben, die sich auf der Klaviatur wiederfinden. Noten mit Hälsen nach oben sind für die rechte Hand gedacht, Noten mit Hälsen nach unten, die Bässe, spielt Thomas Böwe mit der linken Hand.

Einen kurzen Abstecher unternimmt Ingrid Achtert am Montag noch zu Ernst Siebert. Der 58-Jährige kann hören. Inzwischen spielt er sein Keyboard so gut, dass er nur noch wenig Hilfe braucht. Im Gegensatz zu allen anderen kann er auch allein üben, denn er hört, wenn er falsche Noten anschlägt. Und er übt viel - so viel, dass die übrigen Bewohner manchmal schon ein wenig genervt davon sind. Aber dann nimmt Ernst Siebert Kopfhörer und spielt für sich.

"Wenn sie die Texte einmal können, vergessen sie sie über Jahre nicht mehr"

Um halb sechs ist der Einzelunterricht beendet, die Abendbrotzeit naht. Achterts Arbeitstag als Freizeitassistentin ist allerdings noch nicht beendet. Denn nach dem gemeinsamen Abendessen warten weitere 15 Musikbegeisterte im Alter von 24 bis 58 Jahren auf Achtert. Fast die Hälfte der Bewohner hat sich zu einem Chor zusammengeschlossen. Die wenigsten von ihnen können lesen. Die Texte prägen sie sich durch ständige Wiederholung ein. "Und wenn sie die Texte einmal können, vergessen sie sie über Jahre nicht mehr", sagt Ingrid Achtert, die den Chor mit dem Akkordeon begleitet.

Einige der Sänger, unter anderem Axel Lorenz, Karina Pessel, Adelheid Bartsch und Jaqueline Gintzel, singen auch Solo. Die vielen Auftritte, die der Chor in seiner zehnjährigen Geschichte schon hatte, haben aus den Männern und Frauen ein eingespieltes Team gemacht. "Die Auftritte schweißen auch zusammen", sagt Ingrid Achtert. Und begeistert erzählt sie, dass von den Sängern bei keiner Chorprobe einer fehle. Das zeige, wieviel Freude die Bewohner am Singen haben.

Ingrid Achtert ist von Beruf Lehrerin für Russisch und Musik gewesen, gab diesen Beruf aber zugunsten des Familienbetriebes auf. Sie wollte aber noch einmal etwas neues ausprobieren. 2000 wurde sie bei der Lebenshilfe als Gruppenassistentin angestellt. 2006 ging sie zwar in Rente, sie freue sich aber, dass sie noch als Freizeitassistentin für die Lebenshilfe arbeiten könne. Die Arbeit halte jung, sagt Achtert. Und solange sie kann, will sie die Lebenshilfebewohner weiter unterrichten und den Chor leiten. Wenn Achtert das nicht mehr könne, dann würde es den musikalischen Montag zunächst wahrscheinlich nicht mehr geben. "Und es wäre wirklich schade, wenn das einschlafen würde", sagt sie überzeugt.

 

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