Während der Gedenkveranstaltung am 13. April anlässlich des 66. Jahrestages des Massakers an der Feldscheune Isenschnibbe wird das neue Informationssystem für die Gedenkstätte vorgestellt. Seit Jahren wurde daran unter Federführung der Landesgedenkstättenstiftung gearbeitet.

Gardelegen. Bürgermeister Konrad Fuchs ist zufrieden. "Endlich sind die Irrungen und Wirrungen um die Infotafeln beendet", sagte er gestern. "Wir sind froh, dass wir mal einen Strich machen können." Vermutlich werde nicht jede Interessengruppe mit dem Inhalt zufrieden sein, so Fuchs weiter, "aber aus unserer Sicht ist es der größtmögliche Kompromiss".

Der Inhalt der insgesamt 14Tafeln wurde in den vergangenen zwei Jahren von einem wissenschaftlichen Beirat erarbeitet, den die Gedenkstättenstiftung des Landes Sachsen-Anhalt einberufen hatte. Für den Förderverein der Mahn- und Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe arbeitete dessen Mitglied Frigga Conrad im Beirat mit. Sie traf sich gestern mit Dr. Kai Langer, Direktor der Gedenkstättenstiftung, auf der Mahn- und Gedenkstätte. Dabei ging es um das neue Leitsystem, das in der kommenden Woche offiziell eingeweiht werden soll. Noch sind die alten Tafeln in den Schaukästen. Einige Kästen werden an ihren jetzigen Standorten bleiben, zum Beispiel im Eingangsbereich, einige Kästen haben einen neuen Platz an der Feldscheune bekommen.

In den nächsten Tagen werden die neuen Tafeln dann in die Kästen gelegt. Inhaltlich ist jeder Tafel zweigeteilt. Ein Teil wird für optische Darstellungen wie Fotos und Karten genutzt, auf der zweiten Hälfte steht dann der Text. Dabei gehe es nicht nur um eine Retrospektive auf die Ereignisse, so Kai Langer, sondern auch um das Gedenken heute. Dies drückt sich zum Beispiel in einer Fotografie aus, die während eines Workcamps ausländischer Jugendlicher vor einigen Jahren auf der Mahn- und Gedenkstätte entstanden war. Gleich zu Beginn des Rundgangs wird es einen Übersichtsplan mit einer Karte des Gedenkstättenareals geben. Weitere Themen der Tafeln sind unter anderem die Räumung der Konzentrationslager, die Todesmärsche Richtung Gardelegen und Berichte von Überlebenden.

"Wir brauchen diese Öffentlichkeit für die Aufarbeitung"

Das bisherige Besucherleitsystem stammt aus dem Jahr 1994. Unter anderem wegen seiner Inhalte war es in den vergangenen Jahren in die Kritik geraten. Zugespitzt hatte sich die Diskussion im Jahr 2007, als der damalige Leiter der Gedenkstätte, Dr. Herbert Becker, seine Vorschläge für ein neues Informationssystem vorgestellt hatte. Historiker und Opferverbände hatten besonders Beckers Aussagen zur Beteiligung von Funktionshäftlingen am Massaker kritisiert. Die Stadt wandte sich darum mit der Bitte um Unterstützung an die Landesgedenkstättenstiftung. Einige Monate später wurde ein Kooperationsvertrag zwischen beiden unterzeichnet.

In den vergangenen zwei Jahren hat sich der wissenschaftliche Beirat, namhafte Historiker arbeiten darin ebenso mit wie die Hansestadt Gardelegen, der Zentralrat der Juden und Vertreter anderer Gedenkstätten, mit den neuen Texten beschäftigt - und bis zuletzt auf aktuelle Forschungsergebnisse reagiert, erklärte Kai Langer. So seien die Ergebnisse der Forschungen von Daniel Blatman noch eingearbeitet worden. Der israelische Wissenschaftler hatte zehn Jahre lang über die Todesmärsche 1944/45 geforscht und seine Ergebnisse in einem Buch veröffentlicht. Breiten Raum nehmen darin das Massaker von Gardelegen und die Betrachtungen zur Beteiligung der Zivilbevölkerung ein (wir berichteten). Dass dieses Thema so umfangreich wissenschaftlich aufbereitet wurde, fand beim Förderverein der Mahn- und Gedenktstätte großen Zuspruch. "Wir brauchen diese Öffentlichkeit für die Aufarbeitung", sagte der stellvertretende Vorsitzende Paul Schmidt. Besonders freue es den Verein, dass sich viele junge Leute für das Blatman-Buch und damit das Thema interessierten.

Im Zuge seiner Arbeit am neuen wegbegleitenden Infosystem für die Mahn- und Gedenkstätte hat sich der Historiker Thomas Irmer auch mit den Namen der Opfer beschäftigt. Derzeit seien 279 Namen bekannt, erklärte Kai Langer gestern. Einige Namen hätten korrigiert werden müssen, weil diese Personen nachweislich nicht in Gardelegen beigesetzt worden sind. "Dafür sind aber etwa 30 neue Namen hinzugekommen", so der Stiftungsdirektor. Wie schon in den beiden Vorjahren werden Gymnasiasten während der Gedenkveranstaltung Namen von Ermordeten verlesen, diesmal sollen es stellvertretend für alle 100 sein. Diese Namensforschung sei für die Gedenkstätte wichtig, so Langer, aber auch für die Familien der ehemaligen KZ-Häftlinge.

"Wie das Gedenken in zehn Jahren aussieht, weiß ich nicht"

Am Mittwoch nächster Woche wird das Leitsystem eingeweiht. Ob es eines ist für immer, kann Kai Langer nicht sagen. "Wie das Gedenken in zehn Jahren aussieht, weiß ich nicht", sagte er gestern. Es müsse immer auf neue Forschungsergebnisse reagiert werden. Wenn es solche gibt oder veränderte Ansichten, dann müssten aber nicht die Gedenkstätten komplett umgestaltet werden. "Denn manchmal sind die Gedenkstätten selbst Zeugnisse des Gedenkens in der DDR", so Langer: "Die muss man nicht schleifen, aber mit aktuellen Erkenntnissen ergänzen."

Welche aktuellen Erkenntnisse das neue Infosystem vermittelt, ist ab dem 13. April zu sehen. Die Gedenkveranstaltung beginnt um 17 Uhr. Dazu sind alle Bürger eingeladen.