Ein neunjähriger Junge wurde vor wenigen Tagen von wesentlich älteren Kindern auf dem Gardeleger Wall angegriffen, erpresst und bedroht. Auch der Täter ist noch ein Kind. Strafrechtlich hat dieser Vorfall also keine Relevanz. Die Mutter des Jungen, der angegriffen wurde, ist dennoch entsetzt. Denn "zahlreiche Erwachsene haben zugesehen und nicht reagiert."

Gardelegen. Sie möchte aus nachvollziehbaren Gründen ihren Namen nicht in der Zeitung veröffentlicht sehen. Und schon gar nicht den ihres Kindes. Doch, die junge Mutter findet, dass von diesem Vorfall ruhig auch andere erfahren sollen. Was die Gardelegerin (ihr Name ist der Redaktion bekannt) erzählt, lässt wohl tatsächlich alle Eltern besorgt aufhorchen.

Dabei fing der Tag für Tim* so schön an. Zum ersten Mal durfte er mit seinen beiden besten Freunden allein mit dem Fahrrad los. Eine große Sache. Tim wohnt ein bisschen außerhalb der Innenstadt. Doch zu dritt, so dachte wohl auch seine Mama, sind die Kinder sicher. Zudem war klar, wohin sie wollten. Das bunte Fest der Lebenshilfe, das am vergangenen Sonnabend viele Gardeleger auf den Wall am Tiergehege lockte, wollten sich die Jungs anschauen. Der Papa eines der Jungen betreute dort einen Stand. Ihn wollten die Kinder besuchen und sich dann einen schönen Nachmittag zwischen all den Ständen machen.

Irgendwann so gegen vier Uhr am Nachmittag beschlossen die drei dann, dem Spielplatz an der Goethestraße einen Besuch abzustatten. Dort gibt es nämlich so ein cooles Spielgerät, an dem man an einem Seil hängend einen kleinen Hügel runtersausen kann. Und das wollten die Jungs vor dem Nachhauseweg unbedingt noch einmal ausprobieren.

In der Nähe dieses Gerätes drückten sich an diesem Tag allerdings drei "Ältere" rum. Einer von ihnen kam Tim vage bekannt vor. Und eben der sprach Tim unvermittelt an. "Du bist hässlich", sagte der etwa vier Jahre ältere Junge zu ihm. Tim guckte erst verdutzt, dann sagte er schlagfertig "Du auch", drehte sich um und wollte weiterspielen.

Doch der Große war augenscheinlich auf Konfrontation aus. Er und ein anderer Junge rannten Tim hinterher. Einer von ihnen schnappte sich den Neunjährigen und drückte ihn runter auf die Erde.

"Die waren ja viel größer als wir"

Was die Angreifer von ihm wollten, erfuhr Tim unmittelbar darauf, noch am Boden liegend: "Los gib uns Geld", habe ihn einer der Großen aufgefordert, erzählte Tim. Klar, dass sein Herz da schon klopfte wie verrückt. Einen Euro hatte der Junge in der Tasche. Den holte er raus und gab ihn seinem Angreifer. Zufrieden schien der damit nicht. "Das nächste mal, wenn wir Dich treffen, hast du fünf Euro dabei oder es gibt Kloppe", drohte er dem Grundschüler an, bevor er ihn endlich wieder losließ.

Seine beiden Freunde, sagte Tim, konnten ihm nicht helfen. "Die waren ja viel größer als wir". Allerdings flitzte einer der Jungs mit dem Fahrrad den Wall entlang zu seinem Papa, der, wie schon erwähnt, einen Stand der Lebenshilfe betreute, und holte ihn zu Hilfe. Als der mit seinem aufgeregten Kind am Spielplatz ankam, waren die anderen beiden Jungs allerdings schon verschwunden. Und auch die Angreifer waren fort. So konnte auch der Papa nichts mehr tun. Was er am Goethespielplatz sah, ließ ihn allerdings sehr nachdenklich werden. "Er hat uns später erzählt, dass viele Erwachsene mit ihren Kindern auf dem Spielplatz waren", sagte Tims Mutter. Sicher sei, dass der Vorfall beobachtet wurde. Doch keiner der Erwachsenen habe eingegriffen oder auch nur reagiert. "Und das finde ich richtig schlimm".

"Richtig schlimm", sind auch die Worte, die Kriminaloberkommissar Gerd Schönfeld fand. Den Sachverhalt kannte der Pressesprecher der Salzwedeler Polizei. Denn Tims Mutter hatte ihn angezeigt.

Zunächst habe sie gar nicht gewusst, ob das überhaupt geht, sagte die junge Frau. Denn einer der beiden Freunde ihres Sohnes kannte schließlich den Namen und das Alter des Angreifers. Er sei wohl tatsächlich erst 13 und somit ja auch noch ein Kind - wie Tim. Doch die Aggressivität, mit der er vorging, und vor allem die Drohung gegen ihren Sohn habe sie veranlasst, zur Polizei zu gehen.

Und das sei auch richtig, versicherte Gerd Schönfeld auf Anfrage. Denn auch, wenn solche Fälle nicht strafrechtlich bearbeitet würden, gebe es Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Dass ein Kind eine Straftat begehe, sei zwar glücklicherweise die Ausnahme, so der Polizist. Doch auch hier könne der Staat regieren. Denn Anzeigen, wie jene von Tims Mutter, würden zunächst an das Jugendamt weitergeleitet. Zudem gebe es eine Jugendberatungsstelle bei der Polizei, kurz JUBP. Zwei Diplomsozialarbeiter kümmerten sich im Landkreis in Abstimmung mit der Polizei um Jugendliche, aber auch um jene Kinder, die zum Täter werden. Sie würden den Kontakt zum Elterhaus suchen, aber auch "in geeigneter Weise" mit den verhaltensauffälligen Kindern sprechen.

"Was rate ich meinem Kind?"

Was Tim am Wochenende passiert ist, tut Gerd Schönfeld wirklich leid. "Ich habe selber Kinder", sagte er. Er könne Tims Angst und auch die Sorgen seiner Mutter gut nachvollziehen.

Denn Tims Mutter ist der Vorfall natürlich sehr nah gegangen. "Was rate ich meinem Kind, wie er auf so etwas reagieren soll?" frage sie sich seitdem. "Hätte er vielleicht nein sagen und kein Geld herausrücken sollen? Doch was wäre dann passiert?"

Vielleicht wäre Tim dann ernsthaft verletzt worden. Sie selbst war übrigens ziemlich couragiert. Nachdem die Adresse bekannt war, war sie zu dem Angreifer ihres Sohnes gegangen. Der Junge war nicht da. "Seine Mutter hat mir den Euro wiedergegeben." Sonst aber habe die Frau wenig einsichtig reagiert, sagte Tims Mutter.

Zuerst hätten die Erwachsenen auf dem Spielplatz weggeschaut und später dann die Eltern des Angreifers. Manches sei schwer nachzuvollziehen, so die junge Frau.

*Name geändert