Mehrere Stunden verbrachten am Sonnabend Jugendliche aus der Region Jerichow im Bürgerhaus und beschäftigten sich mit Geschichte: Das Schicksal der deutschen Vertriebenen nach 1945 fesselte die jungen Leute. Durch das Projekt des Jugendclubs waren sie plötzlich mittendrin in jener schlimmen Zeit.

Jerichow l "Als Oma und Opa ihre Heimat verlassen mussten", hatten Tim Lach, Lehramts-Student aus Redekin, und Victoria Gronka, Verantwortliche für Jugendarbeit in der Stadt Jerichow, das Projekt genannt (Volksstimme berichtete). "In der Schule haben wir darüber kaum etwas erfahren", stellten nach diesem Tag selbst die älteren Jugendlichen in der Gruppe fest.

Zwar gibt es auch hier in der Region viele, die damals aus den jetzigen Gebieten Polens und Tschechiens vertrieben wurden, so dass zumindest einige junge Leute von den eigenen Großeltern davon gehört haben. Doch nicht alle, die die Flucht erlebt haben, wollen darüber erzählen. Und viele junge Leute haben auch gar keine familiäre Beziehung dazu, wissen im Grund fast nichts darüber.

Tim Lach gehört zu denen, die von Oma und Opa erfahren haben, wie es damals war. Seine Oma stammt aus Schlesien, sein Opa aus Ostpreußen. Seine Oma, Anneliese Lach, hat er dafür gewinnen können, den Jugendlichen etwas davon zu erzählen.

"Ich wollte erst nicht, weil ich dachte: Das schaffe ich nicht!" gesteht Anneliese Lach. Denn mit der Erinnerung kommen immer wieder die Tränen. Es ging dann aber doch besser, als sie erwartet hatte. Denn die aufmerksamen, wissbegierigen jungen Leute haben sie beeindruckt, und sie staunte über die gezielten Fragen, die sie stellten. Wenn es manchmal nicht weiter ging im Redefluss, dann haben sie auch das Schweigen akzeptiert.

Oft habe sie sich gefragt: "Wie haben wir das bloß überstanden", blickt Anneliese Lach zurück und fügt an: "Das wünsche ich keinem!" Neun Jahre alt war sie, als die Familie die Heimat - Schlaupitz im Kreis Reichenbach, Bezirk Breslau -verlassen musste. 1947 war das. Der Vater war in Kriegsgefangenschaft, so dass die Mutter mit damals drei Kindern allein klarkommen musste. "Unsere erste Flucht war nur ganz kurz: Wir sind nur nachts zu den Großeltern und dann wieder zurück", erinnert sie sich. Denn es gingen Gerüchte, dass der erste Schwung aufs Abstellgleis gefahren würde. Später erfuhren sie, dass diejenigen, die dabei waren, bis in den Westen Deutschlands gebracht wurden.

Während der letzten Zeit im alten Zuhause mussten sie eng zusammenrücken. Oben im Haus, im Wohnzimmer, war ein russischer Offizier einquartiert, und unten weitere 20 Russen. "Sie waren nicht schlecht zu uns", sagt Anneliese Lach. Sie hatten wenigstens darin noch Glück.

Als 1947 dann alle raus mussten, begann für die Familie eine Odyssee. Es ging zunächst nach Tschechien, von dort dann ins Lager Arneburg. Teils mit Viehwaggons, teils zu Fuß sind sie unterwegs gewesen. Von Arneburg aus kamen sie dann nach Tangermünde. Dorthin kam dann 1948 der Vater aus der Gefangenschaft, einen Tag vor ihrem Geburtstag. Erkannt hat sie ihn nicht, ist auf der Straße vor ihm davon gelaufen, bis es ihr die Mutter erklärte.

Ihre schönste Erinnerung war dann, als sie ihm sagte: "Ich habe morgen Geburtstag!" und er: "Ich weiß!", ein Stück Zucker aus der Tasche zog und es ihr schenkte.

"Heute sind die Leute mit nichts mehr zufrieden!" Diese Maßlosigkeit ärgert Anneliese Lach. "Wir hatten zu Hause keinen Luxus. Aber Schlesien war eine schöne Heimat. Ich wäre da geblieben."

Dreimal erzählte Anneliese Lach ihre Geschichte an diesem Tag, denn die Jugendlichen arbeiteten in drei Gruppen. Zu Beginn hatten alle gemeinsam den ersten Teil des Films "Die Flucht" angeschaut, den zweiten sahen sie nun im Wechsel.

Darüber hinaus beschäftigten sie sich damit, wie man diese Informationen aufarbeitet und darstellt. Damit und mit weiteren Zeitzeugenberichten werden sie sich auch in den nächsten Wochen noch beschäftigen.