Halberstadt l Die erste Seniorenbetreuungseinrichtung im Harzkreis ist von der Heimaufsicht des Landes Sachsen-Anhalt aufgrund gravierender Mängel geschlossen worden.

Eine Anzeige bei der Heimaufsicht hat den Missstand ans Tageslicht gebracht. Betroffen ist die Vitalis Betreutes Wohnen Halberstadt e.V. in der Kreisstadt, wie Denise Vopel, Sprecherin des Landesverwaltungsamtes, auf Volksstimme-Nachfrage bestätigt.

Der Verein unterhielt in einem Mietshaus im Düsterngraben unterhalb des Domplatzes eine Seniorenwohngruppe und einen Treff. Die Lebensbedingungen für die sieben Bewohner müssen haarsträubend gewesen sein. Die Betreiber des kleinen Heims haben die ihnen anvertrauten Senioren allein gelassen. "Es wurde kein eigenes Pflegepersonal vorgehalten. Der Träger hat dem ambulanten Pflegedienst, der die Bewohner pflegte, fristlos gekündigt, obwohl er nicht Vertragspartei war", berichtet Denise Vopel. Die Verträge waren zwischen Bewohnern der Einrichtung und dem Pflegedienst abgeschlossen worden.

"Die Bewohner blieben nachts trotz Immobilität und Pflegebedürftigkeit allein."
- Denise Vopel, Sprecherin des Landesverwaltungsamtes

Die Heimverantwortlichen hatten den Mitarbeitern des Pflegedienstes außerdem ein Hausverbot ausgesprochen, so Vopel. Obwohl bekannt gewesen ist, dass die Senioren pflegebedürftig sind. "Die Bewohner blieben nachts trotz Immobilität und Pflegebedürftigkeit allein", betont die Sprecherin des Landesverwaltungsamtes.

Der Untersagungsbescheid zur Schließung der Betreuungseinrichtung ist den Betreibern am 24. März persönlich übergeben worden. Dem Betreuungsverein ist von der Heimaufsicht für die Räumung des Seniorenheims eine Frist bis zum 11. April gesetzt worden. Bis zu diesem Zeitpunkt müssen für die sieben Bewohner neue Betreuungsplätze gefunden werden.

Stationäre Pflegeplätze für Senioren sind allerdings nicht von heute auf morgen zu finden. In fast allen Seniorenpflegeeinrichtungen gibt es lange Wartelisten, wie erst kürzlich das Cecilienstift Halberstadt bestätigt hat. "Bisher gibt es keine Rückmeldung, ob die Senioren untergebracht sind", informiert Denise Vopel. Nach Volksstimme-Informationen konnten für die Betroffenen Plätze gefunden werden.

Die Räume am Düsterngraben sind mittlerweile verwaist. Telefonisch ist von den Betreibern nach mehreren Versuchen niemand für eine Stellungnahme zu erreichen.

Ein Nachbar berichtet, dass die Betreiber, eine Frau und ein Mann, sich schon früher nur selten haben sehen lassen. "Ich bin froh, dass die Einrichtung dicht ist. Die alten Leute wurden dort abgezockt, die einst festangestellten Pflegekräfte schlecht bezahlt", berichtet der Mann. Die hätten sich irgendwann dauerkrank gemeldet. Eine Aussage, die auch das Landesverwaltungsamt bestätigt. Danach beschäftigte der Betreuungsverein drei Pflegekräfte, die langzeiterkrankt sind, und zwei ehrenamtlich tätige Hauswirtschaftskräfte.

Ob das Seniorenheim bereits vor der erzwungenen Schließung auffällig gewesen sei, konnte das Landesverwaltungsamt in Halle nicht bestätigen. Die Einrichtung sei erst seit dem 24. Juli 2011 als Heim anerkannt und damit kontrollpflichtig.

In Sachsen-Anhalt wurden bisher zwei Altenpflegeheime geschlossen, das letzte 2007. Die häufigsten Kritikgründe seien Struktur- als auch Prozessmängel. Dazu gehören Pflegedefizite und Dokumentationsfehler, sagt Denise Vopel.