Die Stadt Ballenstedt will die touristische Anbindung an den Harz verbessern und hat dabei kühne Pläne: Die bisherige Bahnstrecke Frose-Gernrode, die vor zehn Jahren stillgelegt worden ist, soll zumindest abschnittsweise zum Radweg umgebaut werden. Aufgehen kann dieser Plan aber nur mit Fördermitteln. Und es gibt auch kritische Stimmen.

Halberstadt/Ballenstedt l Wer sich im Harz aufs Rad schwingen will, sollte Kondition mitbringen. Insbesondere, wenn er Ballenstedt als Startpunkt auserkoren hat. Direkt an das Ostharz-Städtchen grenzen die ersten Höhenzüge des Harzes. Egal, ob es in Richtung Selketal gehen soll oder Friedrichsbrunn, Alexisbad oder Gernrode als Ziele locken - Radfahrer müssen erst mal ordentlich in die Pedale treten. Das könnte sich in der Zukunft ändern: Die BAL-Stadtentwicklungsgesellschaft Ballenstedt will die bisherige Bahnstrecke zwischen Frose (Stadt Seeland im Salzlandkreis) und Gernrode aus ihrem zehnjährigen Dornröschenschlaf erwecken und zum Radweg machen. Ballenstedt bekäme damit eine direkte Verbindung zum Bahnhof der Selketalbahn in Gernrode.

BAL-Geschäftsführer Jan Lämmerhirt ist kühner Planer und Geschäftsmann in Personalunion. Mit Blick auf die Anfang 2004 stillgelegte Bahnstrecke und die seither zugewucherten Gleisanlagen hatte er schnell Ideen und Visionen. Die Trasse, die im Osten via Falkenstein/Harz bis nach Frose führt und dort einst an die Hauptstrecke Aschersleben-Halberstadt angebunden war, wäre das ideale Fundament für einen Nordharz-Radweg. Eines ganz besonderen, wie der 40-Jährige unterstreicht.

"Etwas Besseres als eine solche Bahnlinie kann man für einen Radweg nicht bekommen", schwärmt der BAL-Chef. Gebaut für tonnenschwere Achslasten sei der Unterbau top-solide. "Außerdem sind die Kurvenradien schön großzügig, weil der Lokführer weite Sicht haben muss." Und - der für Lämmerhirt entscheidende Aspekt: Das geringe Steigungs- und Gefälle-Niveau von Bahnstrecken macht darauf gebaute Radwege für weite Nutzerkreise interessant. Auch weniger trainierte Radler könnten auf ihre Kosten kommen, obendrein dürfte eine asphaltierte Strecke auch Inliner-Fans ansprechen.

So vielfältig die Nutzungsmöglichkeiten erscheinen, so schnell relativiert Lämmerhirt das Ganze: "Bislang reden wir nur von Visionen und Ideen - Wirklichkeit können sie nur mithilfe von Fördermitteln werden."

Gleichwohl hat der umtriebige BAL-Chef schon mal Nägel mit Köpfen gemacht: Der schätzungsweise sieben Kilometer lange Streckenabschnitt im Gemarkungsbereich der Stadt Ballenstedt - den Ortsteil Rieder eingeschlossen - befinde sich schon im BAL-Besitz.

Bevor die Visionen freilich Wirklichkeit werden könnten, müssen zunächst andere Hand anlegen. Konkret: Die Mitarbeiter der in Leipzig ansässigen Eisenbahnhandelsgesellschaft. Die Firma hat sich nach den Worten von Betriebsleiter Peter Erk darauf spezialisiert, stillgelegte Bahnstrecken zu demontieren.

Nach Erks Angaben hatte die Firma zunächst die gesamte Strecke des unter Eisenbahnern "Balkan" genannten Abschnitts zwischen Frose und Gernrode erworben und später den Ballenstedter Abschnitt an die BAL veräußert. Ihren Spitznamen "Balkan" verdankt die Bahnstrecke übrigens ihren zahlreichen Neigungswechseln im Harzvorland.

Bevor die Ballenstedter BAL an ihrem Eigentum Hand anlagen kann, darf Erk auf die baulichen Anlagen der Bahn zugreifen. "Wir demontieren die Gleise, entsorgen Holzschwellen und andere Schadstoffe und schreddern die Betonschwellen gleich vor Ort", umreißt Erk seine Pläne. Danach habe die BAL freie Hand.

BAL-Chef Lämmerhirt und Ballenstedts Bürgermeister Michael Knoppik (CDU) würden am liebsten einen Radwegbogen bis in den Seeland-Ortsteil Frose schlagen. Allerdings stoßen ihre Visionen bei den östlichen Nachbarn nur auf verhaltenen Beifall. "Anders als die Ballenstedter favorisieren wir einen Gleisanschluss für unser Gewerbegebiet im Ortsteil Reinstedt", sagt Klaus Wycisk (CDU), Bürgermeister der Stadt Falkenstein/Harz. Wycisk hofft hier auf weitere Ansiedlungen und will die Chance auf einen Gleisanschluss ans überregionale Bahnnetz nicht vorschnell opfern.

Deshalb gibt es, wie Peter Erk und Klaus Wycisk übereinstimmend bestätigen, einen Kompromiss: Erks Eisenbahnhandelsgesellschaft hat zwar die gesamte Balkan-Strecke erworben, verzichtet aber zwischen Frose und Reinstedt fünf Jahre lang auf einen Rückbau. "Das ist die Zeit, die wir brauchen, um dort etwas zu entwickeln", sagt Wycisk. Wenn das klappt, habe die Kommune, die in dieser Frage mit der Stadt Seeland kooperiere, Zugriffsoptionen. Andernfalls hätte nach Fristablauf Erk alle Möglichkeiten.

Und Wycisk sieht noch ein zweites Problem: Die direkte Konkurrenz eines solchen Radwegs zum Fernradwanderweg R 1. Der verläuft teilweise parallel - eine unglückliche Konkurrenzsituation, wie Wycisk findet. Die Quedlinburger, sie werden im Bereich des Ortsteils Gernrode tangiert, stehen den Plänen indes offen gegenüber, hieß es aus dem Rathaus.

   

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