Auch in diesem Jahr gehörte Siegfried Schwalbe wieder zu den zahlreichen Besuchern der jährlichen Gedenkveranstaltung, die vor wenigen Tagen in Langenstein-Zwieberge stattfand. Zwar fehlt der Ortschronist ohnehin kaum auf einer öffentlichen Veranstaltung seines Heimatortes – das Areal des früheren Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge liegt ihm jedoch ganz besonders am Herzen.

Halberstadt/Langenstein. "Meine Tante hat hier früher einmal eine Obstplantage besessen", berichtete Siegfried Schwalbe am Rande der zentralen Gedenkveranstaltung, zu der das Land in diesem Jahr nach Langenstein und Halberstadt eingeladen hatte. In der Zeit, als das Gelände in Langenstein als Außenlager des KZ Buchenwald genutzt wurde, sei seiner Tante angedroht worden, dass sie sofort "in die Kolonne mit eingegliedert wird", falls sie den Häftlingen in irgendeiner Form zu helfen versuche. Und damit nicht genug: Siegfried Schwalbes Vater Rudolf habe dann – im Jahr 1949 – geholfen, das erste Denkmal am Ort der Massengräber zu errichten. Er schulte damals gerade zum Maurer um und war in einer Langensteiner Firma beschäftigt.

"Es ist nur zu hoffen, dass so etwas nie wieder passiert", resümiert der Langensteiner anlässlich der Gedenkveranstaltung am vergangenen Donnerstag (die Volksstimme berichtete). Er sei tief beeindruckt, wie viele Besucher zu diesem zentralen Gedenken gekommen seien, betonte Schwalbe am Rande. Vor allem für die Schüler von heute sei es wichtig, immer an diesen dunklen Punkt der Vergangenheit erinnert zu werden und die damaligen Verbrechen niemals zu vergessen.

Das Ortschronisten-Ehepaar Doris und Siegfried Schwalbe setzt dabei ganz bewusst auf die Kontakte zwischen den Einwohnern von Langenstein und den Überlebenden des Lagers sowie deren Angehörigen und Hinterbliebenen. Deshalb sind beide nicht nur bei derartigen Gedenkveranstaltungen stets mit dabei – ein besonderer Höhepunkt seien Jahr für Jahr die "Tage der Begegnung" im April. "Im Laufe der vergangenen Jahre haben sich dabei viele und oftmals sehr enge persönliche Verbindungen zu ehemaligen Häftlingen und deren Familien entwickelt", erinnert sich der 70-jährige Ortschronist.

Seine Frau Doris weiß noch sehr genau, wie die einst vom Staat recht starr und bis ins letzte Detail hinein organisierten Treffen in Langenstein einen familiären Anstrich bekamen: "1974 durften wir den lettischen Arzt und Schriftsteller Miervaldis Berzins-Birze erstmals zum Kaffeetrinken direkt zu uns nach Hause einladen." Dabei sei schließlich eine herzliche Freundschaft entstanden, die noch heute mit dessen Tochter Ieva sowie den Söhnen und Enkeln bestehe. Und später – nach der Wende – sei auch der zuvor vom Staat vorrangig auf die KZ-Opfer aus den Ostblockstaaten fokussierte persönliche Kontakt auf ausnahmslos alle Nationen ausgeweitet worden: "Beim alljährlichen Treffen im Jahr 1995 saßen plötzlich Italiener, Letten sowie Gäste aus anderen Ländern ganz spontan bei uns im Wohnzimmer", erinnert sich die heute 72-jährige Doris Schwalbe.

"Es ist nur zu hoffen, dass so etwas nie wieder passiert."

Es waren sehr persönlich gefärbte Treffen, um die die Italiener und die Letten von den Gästen aus anderen Nationen regelrecht beneidet wurden. Und es waren zwanglose und nette Treffen, die nicht nur dabei halfen, die Erinnerung an die schrecklichen Jahre wachzuhalten, sondern die auch dazu beitrugen, einander immer näher zu kommen und Gräben zu überwinden.

Noch heute sind Doris und Siegfried Schwalbe gern mit dabei, die Tage der Begegnung, die in diesem Jahr vom 7. bis zum 11. April in Langenstein stattfinden, ganz persönlich mit Leben zu erfüllen: "Wir freuen uns schon sehr darauf", nickt die frühere Lehrerin.

"Das Wertvollste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben." Diese Sätze von Nikolai Ostrowski beschäftigten Langensteins Ortsbürgermeisterin Ursula Kirste am zentralen Gedenktag. "Es ist unvorstellbar, was in der Vergangenheit bei uns in den Zwiebergen geschehen ist", meinte sie. Bei Veranstaltungen oder Besichtigungen der Gedenkstätte bewegten sie immer wieder die gleichen Fragen: Wie viele Frauen haben ständig an ihre Männer gedacht, die hier unter extrem schlechten Bedingungen schuften mussten? Und wie viele Mütter haben an ihre Söhne gedacht und die Hoffnung auf ein Wiedersehen nie aufgegeben?

Das winterlich-kalte Wetter am zentralen Gedenktag ließ bei Ursula Kirste eine Vorstellung davon aufkommen, wie den Häftlingen mit der erbärmlichen Bekleidung damals wohl zumute war, wenn sie auf dem Appellplatz stehen mussten oder sich nach stundenlanger harter Arbeit aus dem Stollen schleppten, um den langen Weg ins Lager zurückzulegen. Sie müsse dabei auch immer an die dürftigen Unterkunftsbaracken und die miserable Essenversorgung denken, meinte Kirste.

"Plötzlich saßen Italiener und Letten bei uns im Wohnzimmer."

Die frühere Deutschlehrerin hatte die Möglichkeit, die junge Generation mit Hilfe von Büchern mit den Grausamkeiten des Faschismus zu konfrontieren. Auch nach der Wende sei es ihr gelungen, die Grundschüler mit der damaligen Situation vertraut zu machen. Dabei seien Schüler und Lehrer unter anderem der Frage nachgegangen: Wieso trägt unsere Schule den Namen Hans Neupert? Und wer war Hans Neupert überhaupt?

Diese Beschäftigung mit dem Leben des früheren KZ-Lagerältesten habe schließlich geholfen, die Schüler für die aktive Teilnahme an der "Tagen der Begegnung" zu motivieren und sich darüber hinaus zu engagieren. So seien beispielsweise aus Anlass der öffentlichen Teilfreigabe des Stollens besondere Schals angefertigt worden. Obendrein hätten die Schüler Namensschilder, Aufschriften auf Bändern oder Willkommenskarten für ehemalige Häftlinge und Gäste angefertigt.

Oft habe es auch Führungen durch das Gelände der Gedenkstätte gegeben. Nun beteiligten sich ehemalige Langensteiner Grundschüler, die heute am Käthe-Kollwitz-Gymnasium lernen, an dem Projekt, jüngere Schüler durch die Gedenkstätte zu führen. Das erfüllt Ursula Kirste mit großem Stolz.

"Für mich war es bisher immer sehr beeindruckend, wenn man die Gedenkstätte besichtigt, Namen ehemaliger Häftlinge vorliest oder auf Steine schreibt und einem dabei das Lebensalter der Verstorbenen vor Augen geführt wird", schildert die frühere Schulleiterin ihre ganz persönlichen Erfahrungen. Auch die kürzlich präsentierte Ausstellung über das Leben von Alex Deutsch habe sie emotional sehr bewegt.

So wie Doris und Siegfried Schwalbe sowie Ursula Kirste sind auch viele andere Langensteiner froh, dass der Name ihres kleinen Ortes heute längst wieder mit positiven Aktionen und Entwicklungen in Verbindung gebracht wird. Sie hoffen, dass bis zu den diesjährigen "Tagen der Begegnung" vom 7. bis zum 11. April auch die wegen der Winterwitterung gegenwärtig unterbrochenen Umbauarbeiten auf dem Gedenkstättengelände abgeschlossen sein werden.