Die Dedeleber sind in sprichwörtlich "froher Erwartung": Die Störche, die seit vielen Jahren auf dem alten Molkerei-Schornstein brüten, sind aus dem Süden zurück. Dabei gibt es eine Überraschung: Ganz offensichtlich handelt es sich um ein anderes Adebar-Weibchen, das vom Männchen aber rasch akzeptiert wurde. Beide haben seither nicht nur unüberhörbar laut geklappert, sondern sich auch erfolgreich gepaart - die Brut hat begonnen.

Dedeleben. Seit vielen Jahren begleiten die Störche hoch oben auf dem alten Molkerei-Schornstein die Einwohner von Dedeleben durch das Sommerhalbjahr. Die Freude darüber findet auch in diesem Jahr ihre Fortsetzung: Nachdem bereits am 26. März - und damit recht zeitig - der erste Storch eingetroffen war (die Volksstimme berichtete), ist kürzlich auch das Weibchen im Nordhuy gelandet.

Der Dedeleber Tierfreund Georg Hoffmann beobachtet seine Nachbarn hoch oben auf dem Schornstein seit Jahren und registriert seine Beobachtungen ganz exakt. Dabei arbeitet er mit dem Weißstorch-Beauftragten Georg Fiedler, der länderübergreifend in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen aktiv ist, sowie anderen Naturschützern optimal zusammen. "Das Adebar-Weibchen kam am Ostersonnabend um 13.30 Uhr hier an", informierte Georg Hoffmann den Storchenbeauftragten.

Der machte sich sofort auf den Weg nach Dedeleben und konnte vor Ort eine interessante Entdeckung machen, die andere Natur- und Vogelfreunde bestätigten: Dieser zweite Storch trägt am rechten Bein einen Ring. Das Männchen ist hingegen unberingt. Das ist bedeutsam, weil in den vergangenen Jahren stets zwei unberingte Störche in Dedeleben gebrütet hatten. Soll heißen: Ein neues Paar hat sich gefunden, denn eine nachträgliche Beringung des Weibchens schließt der 58-jährige Storchenexperte aus Rohrsheim definitiv aus: "Beringt werden nur Jungstörche, nachträglich ist das unmöglich."

Zur freudigen Überraschung gesellte sich also die spannende Frage, ob das neue Pärchen tatsächlich zueinander kommen würde. "Mal sehen, ob das Männchen das neue Weibchen akzeptiert und ob das Weibchen alt genug ist", sagte Weißstorch-Experte Fiedler kurz nach dem Eintreffen des Weibchens vor Ort.

Mittlerweile ist diese bange Zeit freilich passé: "Sie hat ihn zwar einmal abgewiesen", weiß Georg Hoffmann aus seinen Beobachtungen. Wenig später sei es aber zwischen beiden Tieren zu deutlichen Annäherungsversuchen gekommen. Sie kommunizierten - klapperten - eifrig miteinander. Und damit nicht genug: Mittlerweile steht nach dem eifrigen Klapperkonzert in luftiger Höhe auch fest, dass es mit der Paarung geklappt hat und die beiden Tiere hoch oben auf dem Schornstein brüten. "Nach unseren Beobachtungen sind sie seit Anfang Mai damit beschäftigt", berichtet Georg Fiedler.

Dem 58-Jährigen war es dank seines Fernrohrs mit 60-facher Vergrößerung auch recht schnell möglich, die auf dem Ring des Storchen-Weibchens registrierten Daten abzulesen. Es handele sich dabei um einen Ring der Vogelwarte Hiddensee, mit denen Tiere aus den östlichen Bundesländern Deutschlands versehen würden. Georg Fiedler will nun über die Warte auf der Ostsee-Insel genau in Erfahrung bringen, woher das neue Weibchen mit der Ringnummer "H 7842" stammt.

Der Rückflug zahlreicher Störche, die auf ihrem Weg aus Afrika in der Südtürkei Rast machten, habe sich in diesem Jahr verzögert. Um den 20. April herum hätten sich dort noch etwa 160 000 Störche aufgehalten. Das sei über ein Drittel aller Ost-Zieher. Die lange Zeit recht kalte Witterung habe einen schnelleren Rückflug verhindert, einige Tiere hätten ihre Heimat gar nicht erreicht, weiß Fiedler.

Unter ihnen befinde sich auch der mit einem Sender ausgestattete Storch "Hobor", der am 16. Januar in Botswana und 21. Januar in Südafrika eingetroffen sei. Am 29. März sei er in Israel gestartet - sein letztes Lebenszeichen stamme vom 8. April aus der südlichen Türkei bei Adana.

Im Taurus-Gebirge herrschte in diesem Jahr schlechtes und kaltes Wetter, weiß Georg Fiedler. Zusätzlich erschwerten viele Stromleitungen in der Türkei den Rückflug der Tiere. Das "neue Weibchen vom Molkereischornstein" könnte durchaus in der Nähe des verschollenen "Hobor" gewesen sein, vermutet Fiedler. Weißstorch "Hobor" gehörte zu den insgesamt sechs Störchen, die vom NABU einen Sender bekommen hatten. Seine Heimat war Linden-Pahlkrug im südwestlichen Schleswig-Holstein.

Am "Großen Bruch" ist man nun indes gespannt, ob, wann und wie viel Nachwuchs es geben wird. Storchen-Experte Fiedler ist dabei optimistisch: Er geht davon aus, dass das Weibchen erstmals brütet. "Die Brutzeit beträgt 32 bis 34 Tage, so dass Anfang Juni mit Jungtieren zu rechnen ist", gibt er eine zeitliche Prognose ab.

"Nach unseren Beobachtungen sind sie seit Anfang Mai mit Brüten beschäftigt"

Im vorigen Jahr wurden übrigens erstmals in Dedeleben drei Jungstörche von Fiedler beringt. Sie tragen die Nummern H 9546, H 9547 und H 9548. Wer einen dieser Störche in der Region erkennt, wird gebeten, sich telefonisch unter (03 94 26) 8 63 69, oder per E-Mail an fiedler@storchenwelt.com in Verbindung zu setzen. Die neuen Ringe der Vogelwarte Hiddensee seien recht gut ablesbar.

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