Die Störche sind seit Februar wieder im Halberstädter Ortsteil Veltensmühle gelandet. Nach drei Monaten Nestbau und Liebesspiel, gibt es gute Neuigkeiten: Gleich vier Babystörche befinden sich in dem Nest auf dem alten Schornstein. Rekord in der Veltensmühler Storch-Historie.

Halberstadt. Seit der männliche Storch sein von der Feuerwehr im "Rohbau" neu hergerichtetes Nest auf dem Schornstein im Februar in Besitz genommen hatte, herrschte dort rege Betriebsamkeit. Immer wieder wurden unzählige Zweige und Äste von den umliegenden Holtemme-Wiesen herangeschleppt, um das bei einem Wintersturm verlorengegangene Nest des Vorjahres zu ersetzen und einen Nistplatz für das bald aus dem Süden zurückkehrende Weibchen vorzubereiten.

Anfang März hatte der Adebar seine Gefährtin dabei. Stolz klappernd präsentierte er der Partnerin im goldgelben Licht der Abendsonne die Unterkunft. Nach dem geglückten Wiedersehen waren beide - von kleinen Flirtpausen unterbrochen - bis zum Dunkelwerden mit der Materialbeschaffung für die "Dachgeschoss-Wohnung mit Brockenblick" beschäftigt. Bei mehreren Ästen auf einmal ging hier und dort schon mal ein Teil der Ladung verloren, aber mit vereinten Kräften türmte sich das runde Flechtwerk immer weiter auf. Der Hochsitz schien nach dem Sturm-Unfall nahezu vollständig wieder hergestellt zu sein.

Beide Vögel sind gut aufeinander abgestimmt

Gerührt beobachteten die Anwohner der Veltensmühle, wie Adebar seine Partnerin umsorgte und auch kleine Häufchen Stroh nach oben trug, um ihren Brutplatz auszupolstern. Das Pärchen ist relativ gut voneinander zu unterscheiden: Das Weibchen ist etwas kleiner, ihr Schnabel ist zarter und kürzer. Beide Tiere variieren in Flugstil und Körpersprache. Bekundet er Interesse am Liebesspiel, wippt er mehrmals mit dem Kopf auf und ab, will sie ihn herumkriegen, zupft sie an den Spitzen seiner Schwingen. Während der Paarung "turnt" er die schönsten Figuren mit Flügelschlag. Die Veltensmühler Störche sind in Allem so gut aufeinander eingespielt, dass man auf baldigen Nachwuchs hoffen kann.

Ab Ende März saß immer einer der Störche auf dem Nest und wurde beim Brüten vom Gefährten abgelöst, damit der andere zur Futtersuche ausschwärmen konnte.

Im starken Sturm Mitte April waren jeder Start und jede Landung ein riskantes Unterfangen. Navigationserfahrung war gefragt. Die Trockenheit und anhaltende Hitze des Aprils machten ihnen zu schaffen. Genau einen Monat nach Brutbeginn, am 28. April, stand das Vogelpaar Flügel schlagend auf dem Nestrand und startete mit Blick nach unten ein gigantisches Geklapper: Das erste Federknäuel war geschlüpft! Auch wenn sich diese Zeremonie an den Folgetagen mehrere Male wiederholte, blieb den Beobachtern am Boden vorerst verborgen, wie viele Geschwisterchen zu feiern waren.

Die Spannung stieg, als Anfang Mai ein zweites Männchen auftauchte, welches das Nest Ende Februar schon einmal inspiziert hatte, es dann aber aus unbekannten Gründen dem jetzt hier ansässigen männlichem Storch kampflos überlassen hatte. Dieser Andere kreiste an den Folgetagen mehrmals täglich über dem Nest und wurde von dem Storchen-Paar durch Drohhaltungen und lautstarkes Klappern immer wieder erfolgreich vertrieben.

Dann eines Tages nahm der Fremde allen Mut zusammen und startete im Sturzflug einen Angriff in Richtung Nest und zog erst in letzter Sekunde über dem Elterntier steil nach oben. Der auf dem Gelege wachende Storchenvater breitete die Schwingen schützend über die Brut und schlug den wohl nicht besonders entschlossenen Konkurrenten in die Flucht. Der Verlierer ließ sich nach der missglückten Aktion mit hängenden Flügeln auf einer Scheune nieder und verharrte dort noch eine ganze Stunde. Er wird anschließend in dieser Gegend nicht mehr gesehen.

Unfassbares wird real: viermal Nachwuchs

Am 12. Mai waren endlich die ersten Schnäbel der Jungvögel über dem Nestrand auszumachen, aber immer nur ein bis zwei Silhouetten auf einmal. Erst eine Woche später wird das Unfassbare zur Realität: Vier kleine Storchenköpfchen streckten sich gleichzeitig dem fütternden Elternteil entgegen. Kräftig und gesund sehen sie aus und ihr gigantischer Appetit wächst proportional schnell zu ihrem Körper. Gierig würgen sie den von den Eltern vorverdauten Regenwurmcocktail hinunter. Nach knapp drei Wochen dürfen es nun schon ganze Frösche sein. Schon jetzt üben sich die vier Wonneproppen im Flügelschlagen und Klappern. Wenn das komplette Küken-Quartett dieses Jahrgangs ohne Verluste flügge werden sollte, so wäre dies ein Rekord in der Geschichte des Veltensmühle-Storchenqartiers.

Den beiden Altvögeln steht ein schweißtreibender Sommer bevor: Mit einem echten Vollzeit-Job als Jäger und Sammler, Futter-Bring-Dienst, Fluglehrer, Kindergärtner und Beschützer ...

Wir alle dürfen also gespannt sein, wie der "Storchen-Krimi" weitergeht. Bleibt nur noch, sämtliche Daumen zu drücken, damit Wetter, Schicksal und "Schweineglück" den kleinen Froschfressern wohl gesonnen sein mögen.

Bilder