Der Rätzlinger Norbert Sierig ärgert sich über stark gekürzte Linden auf dem heimischen Friedhof. Der Naturfreund sorgt sich im Besonderen um die Bienen, für die die Blüten Nahrungsgrundlage sind. Ordnungsamtsleiter Detlef Meyer erklärte, dass das Kürzen der Bäume der Gefahrenabwehr diene.

Rätzlingen l "Nachdem ich den Volksstimme-Artikel über den Baumfrevel in Behnsdorf gelesen habe, musste ich feststellen, dass nun auch Rätzlingen um eine Attraktion reicher geworden ist. Seit Anfang der Woche können Interessierte dort die hohe Kunst des Baumfrevels bewundern", sagte Norbert Sierig aus Rätzlingen voller Sarkasmus. "Uralte Linden, die leider im Herbst die unangenehme Eigenart entwickeln, ihre Blätter zu verlieren, wurden kurzerhand von Kettensägenkünstlern zu modernen Kunstwerken umgestaltet." Die "Ausstellung" sei ganzjährig rund um die Uhr geöffnet, der Eintritt wäre frei. Obwohl die Linden nun keinen Schatten mehr spenden, gäbe es dennoch eine Schattenseite. "Die Verlierer dieser Aktion sind eindeutig die Natur und der gewisse Charme, den Dörfer mit alten Bäumen nun einmal versprühen", erklärte Sierig. Und noch einen Verlierer gäbe es. "Für die Honigbienen stellen diese Linden eine unersetzbare Nahrungsgrundlage dar. Wen wundert da noch das immer mehr um sich greifende Bienensterben? Aber wozu brauchen wir noch Bienen?", fragte der Hobbyimker ironisch und fand eine Antwort voller bitterem Spott: "Mein Obst bekomme ich über den Umweg Supermarkt direkt und gut gespritzt aus Südafrika oder Neuseeland, meinen Honig beziehe ich über den gleichen Umweg aus Nordafrika und Mittelamerika - hocherhitzt und darum immer schön flüssig. Also dann - auf zu neuen Kunstwerken!" Fünf Jahre würde es dauern, bis die Bäume wieder Blüten tragen. Als zweifacher Familienvater wäre er besonders daran interessiert, die Natur zu schützen.

Detlef Meyer, Leiter des Ordnungsamtes der Stadt, erklärte: "Die Linden wurden aufgrund der Gefahrenabwehr gestutzt. Die Bäume stehen im öffentlichen Bereich. Die Äste sind brüchig, einige morsche Äste sind schon runtergefallen. Da mussten wir handeln. Wir wollten die Linden aber nicht fällen, deshalb wurden sie gestutzt." Arbeiter des Bauhofes hätten Lehrgänge besucht, um die Bäume fachgerecht zu kürzen. Verständnis zeigte Meyer auch für die Sicht des Naturfreundes. "Wir wollen die Bäume nicht verschandeln, sondern erhalten. Die Linden treiben ja wieder aus. Aber wenn Gefahr in Verzug ist, müssen wir handeln", betonte er.

Auch Wilhelm Behrens (Aktive WG Sport), Ortsbürgermeister in Rätzlingen, hat sich die Bäume vor Ort angesehen. "Ja, es sieht jetzt ziemlich kahl aus", sagte der Ortschef und gestand, dass er nicht der Fachmann in Sachen Baumschnitt sei. Die Verwaltung lege derzeit ein Baumkataster an. Jeder Baum bekäme eine Nummer. "Bei dem Rundgang mit dem Sachverständigen wurde festgelegt, welche Bäume wie weit beschnitten werden müssen", sagte Behrens.

Aber nicht nur auf dem Friedhof, sondern in Rätzlingen gäbe es zum Beispiel noch an der Bahnhofstraße und der Everinger Straße andere alte Linden, die nun mehr - als vielleicht in den Jahren zuvor - beschnitten wurden. Der Ortsbürgermeister kann gut nachvollziehen, dass Bienenfreunde sich über die fehlenden Blüten ärgern. Der Ortschef verwies aber darauf, dass hinter dem Friedhof in der alten Kleingartenanlage in den vergangenen Jahren auch 40 Linden - im Rahmen der Entstehung des Solarparks - gepflanzt wurden. "Diese Bäume werden vielleicht noch nicht in voller Pracht blühen, aber in den nächsten Jahren sind die Bäume auch soweit", blickte Behrens voraus.