Glucken, Bären, Eulen, Spinner - der Laie denkt bei diesen Namen sicher kaum an Schmetterlinge. Bernd Heinze aus Havelberg ist dann jedoch voll in seinem Metier - am Sonnabend eröffnete er in der Domkurie 8 seine erste Ausstellung.

Havelberg l "Schon als Kind hatte ich mich mit Faltern beschäftigt, denn meine Eltern hatten einen Nutzgarten, wo sich des öfteren Raupen anfanden", berichtet der Havelberger über die Anfänge seines wissenschaftlichen Hobbys. Die Raupen brachten sein Vater und er ins Görlitzer Naturkundemuseum, um sie dort bestimmen zu lassen.

So etwas übernimmt er heute selber, viele heimische Falterarten kennt der Havelberger inzwischen aus dem Effeff. Seit 1984 widmet er sich ernsthaft den Insekten - damals hatte er den Arbeitsort gewechselt und dadurch eine regelmäßige Arbeitszeit. Ein Problem war es in der DDR, an gute Fachliteratur zu gelangen: Das im Buchhandel bestellte und dennoch nicht gelieferte Fachbuch von Manfred Koch "Wir bestimmen Schmetterlinge" fand er nach einem Hinweis in der BHG, der Bäuerlichen Handelsgenossenschaft.

Das Problem heute: Fachliteratur gibt es jetzt zwar, manches ist aber für einen Rentner kaum erschwinglich - ein dreizehnbändiges Werk über Kleinschmetterlinge ist zum "Vorzugspreis" von 2200 Euro zu haben.

Normalerweise werden wissenschaftliche Sammlungen nicht angelegt, um sie der Öffentlichkeit zu präsentieren. Doch möchte Bernd Heinze seine gesammelten Insekten nun einer wissenschaftlichen Einrichtung übergeben - insgesamt 30 hat er angeschrieben. Henrik Hempelmann vom Verein "Denkmal und Leben" und weitere Naturfreunde hatten ihn daraufhin angesprochen und gebeten, einige Schaukästen vor der Übergabe doch noch in Havelberg auszustellen.

Bis zum 29. Juni sind in der D8, der einstigen Domkurie in der Domherrnstraße 8, insgesamt 22 Schaukästen mit Faltern zu sehen. Ausgestellt sind etwa 2600 Falter von 470 Arten. Führungen gib es jeweils um 16 Uhr, am Wochenende zudem um 10 Uhr.

Die Sammlung ist nach wissenschaftlichen Kriterien erstellt worden: Oben steht der Name der Art, unter jedem Falter befinden sich ein bis zwei winzige Etiketten mit Fundort und -datum, dem Namen des Sammlers und dem des Bestimmers sowie der Art.

Wie manche Familien tragen auch einige Arten ungewöhnliche Namen: Landkärtchen, Großer Eisvogel, Damenbrett, Goldene Acht, Großes Wiesenvögelchen, Gammaeule, Großes Ochsenauge, Rostbinde oder Hausmutter etwa. Doch gibt es auch etliche Arten, die nur eine lateinische Bezeichnung besitzen.

Insekten gelangen an Blumen nach Deutschland

Bernd Heinze hatte auch schon Falter gefunden, die hier eigentlich gar nicht heimisch sind. Etwa die in Nordafrika beheimatete Baumwolleule. Diese Insekten wurden mit Blumen als blinde Passagiere nach Deutschland eingeführt. Gleiches trifft auf einen Zünsler zu, der auf den Weihnachtssternen lebt.

Für Havelberg und das Elbe-Havel-Land wiesen Bernd Heinze und seine Kollegen über 1181 Arten von Faltern nach, aufgelistet in einem im Jahre 2006 erschienenen Sonderheft der "Entomologischen Mitteilungen". Entomologen sind die Insektenforscher.

Die meisten Menschen denken beim Wort Schmetterlinge zuerst an Tagfalter. Doch gibt es unter den in Deutschland lebenden 3700 Arten lediglich 190 Arten Tagfalter. Der weitaus überwiegende Teil ist also nachtaktiv. - Unter diesen gibt es wiederum allein 1200 Kleinschmetterlinge, eine verwirrende Vielfalt. Manche Arten unterscheiden sich nur durch winzige Merkmale, dann kann beim Bestimmen nur ein auf diese Gattung spezialisierter Experte helfen - und manchmal muss auch Bernd Heinze passen.

Warum Sammlungen angelegt werden, darüber informierte Dr. Werner Malchau, Vorsitzender der Entomologenvereinigung Sachsen-Anhalt, wo Bernd Heinze Gründungsmitglied ist. Durch die Sammlungen gibt es Vergleichstiere, so dass neu hinzugekommene - oder aber auch verschwundene - Arten in bestimmten Regionen erfasst werden können. Auch gibt es oft regionale Unterschiede, beispielsweise beim Bockkäfer.

Den Vorwurf, Entomologen würden für ihre Sammlung die Insekten dezimieren, lässt Werner Malchau nicht gelten. Weitaus mehr Tiere sterben durch Biotopveränderungen, durch Chemikalieneinsatz oder Umweltverschmutzung. Durch Autos oder Lampen kommen Nacht für Nacht tausendfach Insekten zu Tode. So wies Bernd Heinze nach, dass in nur einer defekten Lampe im Laufe eines Jahres 25000 Insekten getötet worden waren, publiziert in "Todesfalle Lampe". - Ein Entomologe müsste für eine solche Anzahl sehr, sehr lange sammeln.

Bernd Heinze drehte zudem einen Film über den Eichenprozessionsspinner - dessen Raupen bei Massenvermehrungen wie im Vorjahr viele Menschen durch ihre Gifthaare erkranken lassen. Der Havelberger sei "unser Mann für das Besondere", lobte Werner Malchau.

Bernd Heinze ärgert, dass die Menschen viele Insekten als Schädlinge bezeichnen, denn der Natur sind diese Tiere durchaus nicht abträglich. Die Raupe des hübschen Schwalbenschwanzes etwa frisst Dill. Oft züchtet er selbst Falter aus Raupen - bei ihm haben die Insekten eine höhere Überlebenschance als im Freien, wo Vögel und Wespen, Regen und Hagel die Tiere bedrohen.

In Sachsen-Anhalt existiert keine zentrale staatliche Insektensammlung, so wie in anderen Bundesländern. Lediglich in Dessau können die Schaukästen noch gepflegt werden, anderswo wurde bereits rigide Personal abgebaut. So muss das Innere des Kastens regelmäßig begiftet werden, ansonsten droht Insektenfraß - der Museumskäfer hat dadurch seinen Namen weg.

Übrigens sind auch die Entomologen eine aussterbende Spezies. Im Norden des Bundeslandes gibt es nur noch fünf - alle im hohen Alter.

 

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