Havelberg hat die ersten vier Stolpersteine zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus. Am Donnerstagnachmittag verlegte der Künstler und Initiator des europaweiten Projektes Gunter Demnig die goldig glänzenden Messingplatten im Beisein von Vertretern des Prignitz-Museums, der Stadtverwaltung, des Stadtrates und Gästen.

Havelberg l Der erste Stolperstein in Havelberg liegt in Höhe des Hauses Havelstraße 44 im vorderen Bereich des Fußweges, der zur Bahnhofstraße gehört. Hier soll er, ebenso wie die weiteren drei Stolpersteine, auffallen und Passanten daran erinnern, was vor knapp 70 und mehr Jahren jüdischen und anderen Mitbürgern, die nicht in das Bild des nationalsozialistischen Staates passten, widerfahren ist.

Pogrom-Gedenken am 9. November

Der Monteur Anton Schrader wohnte in der Havelstraße 44. Er war 1933 beim Haveldurchstich beteiligt und kam aus Berlin. Am Abend des 8. September 1933 wurde er bei Glöwen angeschossen und hilflos gefunden. Der 44-Jährige starb in der Nacht im Krankenhaus. Antje Reichel vom Prignitz-Museum in Havelberg verliest Berichte aus der "Havelberger Zeitung" und aus Archivunterlagen zu dem Fall. "Anton Schrader wurde von der Arbeit abgeholt, im SA Lokal Deutsches Haus bestialisch verprügelt und angeschossen in den Wald verfrachtet", ist zu erfahren. Zudem erinnert sie an die Gedenktafel an Anton Schrader, die bis zum Abriss des Kinos in der Pritzwalker Straße, wo sich einst das Deutsche Haus befand, dort hing.

Dann spricht die Enkelin des Mannes zu den Anwesenden, der an dem Mord beteiligt gewesen ist. Die Berlinerin, die namentlich ungenannt bleiben möchte, hatte viele Jahre recherchiert und sich seit mehreren Jahren für die Verlegung eines Stolpersteines für Anton Schrader stark gemacht. Anhand der in Archiven und Zeitungen gefundenen Fakten schrieb sie eine sehr emotionale Geschichte, wie sie sich an jenem Abend zugetragen haben könnte. Ihr Großvater, 40 Jahre alt, war Beigeordneter in der Havelberger Stadtverordnetenversammlung für die NSDAP. Gemeinsam mit anderen will er unter Anwendung großer Gewalt von dem Monteur wissen, wer die Genossen sind, die sich gegen den Nationalsozialismus einsetzen.

Ihre Worte bringen ihr die Hochachtung der Teilnehmenden ein. Heiner Welz würdigt den Mut der Frau, die das Tabu des Schutzes der eigenen Familie durchbricht. Ihr Mann, der an allen Steinen weiße Rosen niederlegt, spricht später im Gespräch mit der Volksstimme ebenfalls mit Hochachtung über die Recherchen seiner Frau, die sich damit in der eigenen Familie nicht unbedingt Freunde gemacht hat.

Bevor es weiter zur Sandauer Straße 2 und Fischerstraße 18 geht, wo drei Stolpersteine für einstige jüdische Mitbürger verlegt werden (siehe Info-Kasten), berichtet Gunter Demnig über seine Arbeit. So gut wie jeden der inzwischen 48000 Steine hat er selbst in Fußwege eingelassen. Auch wenn der Anlass kein Grund zur Freude ist, freue er sich über jeden neuen Stein, der an Einzelschicksale erinnert - und weist den Routinevorwurf, den er manchmal hört, von sich. In 18 Ländern Europas liegen Steine. Dieses Jahr soll noch der 50000. Stein verlegt werden. In Deutschland sind bislang fast 1000 Kommunen beteiligt.

Antje Reichel, die seit Jahren das jüdischen Leben in Havelberg erforscht, weiß von weiteren Opfern, an die mit Stolpersteinen erinnert werden könnte. Dazu sind noch einige Recherchen erforderlich. Finanziert werden die Steine über Spenden, die das Museum gesammelt hat.

Wenn am 9. November der Gedenkweg anlässlich der Pogromnacht von 1938 in Havelberg stattfindet, wird er auch zu den Stolpersteinen führen.

   

Bilder