Klietz/Großwudicke l Splitterschussverletzung im Bauch. In wenigen Minuten wird der verletzte Soldat eingeliefert. Das OP-Team macht sich fertig, bereitet alles für die Notoperation vor. Jeder Handgriff sitzt. Muss er auch. Denn aus so einer Übung kann auch ganz schnell Ernstfall werden. Viele derer, die zur 1., 2., 3. und 4. Kompanie des Regimentes gehören, waren schon im Auslandseinsatz - Afghanistan, Kosovo, Mali... Auch OP-Fachpfleger Hauptfeldwebel Maik Gille und der OP-technische Assistent Stephan Döll. Sie haben schon so manche Situation erlebt, in der es um Leben und Tod ging. Immer wieder müssen die Familienväter für mehrere Monate ihre Sachen packen und dorthin abrücken, wo deutsche Soldaten im Einsatz sind. Denn wenn etwas passiert oder wenn sie erkranken, soll ihnen jegliche Hilfe zuteil werden. Wenn die Kapazitäten es erlauben, werden außer den deutschen Soldaten auch ziviles Personal und nicht selten Einheimische behandelt.

Maik Gille und Stephan Döll übernehmen während der Bauchschuss-OP die Leitung. Denn Ärzte, die im Ernstfall natürlich mit dabei wären, fehlen bei dieser Übung - sie sind an ihren Standorten unersetzlich. Aber die Ärzte sind auch das Einzige, das fehlt. Alles andere kommt einem richtigen Krankenhaus mitten in der Stadt gleich. Selbst die Hygienevorschriften werden peinlichst eingehalten.

Notaufnahme, OP und Intensivstation

16 Stunden haben die Soldaten gebraucht, um das Rettungszentrum aus Zelten und Containern im Feldlager Großwudicke aufzubauen. Während der Zeltaufbau Handarbeit war, hievte ein großer Kran die Container von den Lastern. Die große asphaltierte Fläche eignet sich gut als "Bauplatz", wenn sie auch nicht perfekt ist. "Eigentlich brauchen wir für den Aufbau rund acht Stunden. Aber das Gefälle hier auf dem Platz ist recht stark, so dass wir viel ausgleichen mussten. Denn der Untergrund für den Aufbau der Container darf lediglich ein Gefälle von zwei Prozent haben", berichtet Hauptmann Andreas Ehrhardt. Er ist Chef der 3. Kompanie, die für den Schockraum (Notaufnahme) und den OP zuständig ist. Der 4. Kompanie unterstehen der Pflegebereich und die Intensivstation. Um alles Technische wie die Belüftung, die Klimaanlage, Sauerstoffzufuhr... kümmern sich die Soldaten der 1. Kompanie.

Zur Übung am letzten Tag ist auch der Kommandeur des Sanitätsregiments angereist. Oberfeldarzt Dr. Michael Clauss zeigt sich zufrieden und weiß seine Soldaten gut ausgebildet. Es sind unter anderem Fachkräfte für Anästhesie und Intensivmedizin, Röntgen- und Laborassistenten, Krankenpfleger, Facharzthelfer, pharmazeutisch-technische Assistenten, operationstechnische Assistenten und Elektromeister - allesamt Soldaten, die jederzeit in einen medizinischen Beruf im zivilen Leben wechseln könnten.

Sie alle stehen zur Übung bereit, sich um die vielen "Verletzten" zu kümmern. Platzwunden, offene Brüche, abgerissene Gliedmaßen - alles ist perfekt geschminkt, auch den Job als Maskenbildner übernehmen die Soldaten selbst. Die nicht so schwer Verletzten kommen nach der Behandlung in der Notaufnahme auf die Pflegestation, auch die Intensivstation ist belegt. Der OP-Bereich ist aus vier Containern zusammengebaut: Im Zugang macht sich das Personal fertig, aus dem Geräteversorger kommen Sauerstoff, Wasser und Druckluft, schließlich wird auch im Rettungszentrum keimfrei gearbeitet und während der OP Überdruck erzeugt. Dann gibt es noch den OP-Vorbereitungsraum und den eigentlichen OP. "Der ist recht klein, so dass man ein gut eingespieltes Team sein muss", sagt Stephan Döll. Natürlich liegt auf dem Tisch kein Mensch. Aber um die Situation möglichst anschaulich zu simulieren, ist es ein Stück Fleisch vom Schwein, an dem hantiert wird.

Klietzer Platz ist bestens geeignet

Am Ende des Tages sind alle Verletzten versorgt. Die Übung neigt sich dem Ende. "Wir sind das erste Mal hier auf dem Klietzer Truppenübungsplatz. Er erweist sich für unsere Zwecke als gut geeignet, so dass wir wohl wiederkommen werden", schätzt Hauptmann Nico Funda nach zwei Wochen Aufenthalt ein. Das Sanitätsregiment 1 wird im Rahmen der Umstrukturierung der Bundeswehr demnächst mit dem Berliner Regiment zusammengelegt. Derzeit gibt es in Deutschland vier Regimenter und ein Ausbildungsregiment.

Mittwoch und Donnerstag haben die Soldaten das Krankenhaus abgebaut und alles verlegebereit. Am heutigen Freitag geht es mit dem ganzen Krankenhaus im Gepäck zurück nach Weißenfels. Vier Kilometer lang ist die Kolonne, die in Abschnitten Richtung Weißenfels fährt. Etliche Soldaten wissen schon, dass sie schon bald wieder ihre Tasche packen müssen, um ins Einsatzgebiet abzurücken. Auch Stephan Döll und Maik Gille. Dann ist es kein Stück lebloses Fleisch, das vor ihnen auf dem OP-Tisch liegt, sondern ein Mensch, der ihre Hilfe braucht.<6>

   

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