Seit 30 Jahren lassen die Marionettenspieler in der Briester Kirche die Puppen tanzen. Der "Märchenvogel" lernte das Fliegen bei jugendlichen Konfirmanden, heute sind es Erwachsene, die den hölzernen Figuren Leben einhauchen.

Briest. Viele hundert Mal haben die Puppenspieler das Märchen "Der Fischer und seine Frau" schon aufgeführt. Und doch wird jeden Dienstagabend geprobt. "Jeder Handgriff muss sitzen, der Text auch. Wir sind Laien und es gerät schnell mal etwas in Vergessenheit, deshalb darf man auch nach so vielen Jahren nicht nachlässig werden", erzählt Ingrid Reumann. Die Wusterin gehört seit 1995 zum Team der Marionettenspieler.

"Der Fischer" ist das Stück, das sich die Besucher der Marionettenbühne am häufigsten wünschen. Bei bis zu 50 Aufführungen pro Jahr öffnet sich der Vorhang in der Briester Kirche, die im Inneren wenig an ein Gotteshaus erinnert. Tische mit weißen Decken, Stühle, Gasheizung und Bilder an den weißen Wänden lassen schnell Gemütlichkeit aufkommen.

Hinter dem Vorhang, oben auf der einstigen Kanzel, stehen die Puppenspieler. Es sind Hans Schulz aus Tangermünde, Gunter und Renate Braun aus Jerichow, Matthias Kage, Ingrid und Arvid Reumann aus Wust sowie Antje Jahns aus Briest, die hier die Fäden in der Hand halten. "Marionette zu spielen, ist gar nicht so einfach. Die Puppen zu bewegen und gleichzeitig zu sprechen ist die große Herausforderung", weiß Pfarrer i.R. Karlheinz Stephan. Er spielt selbst zwar nicht, könnte aber als Regisseur betitelt werden. Wenn er an die zurückliegenden 30 Jahre Marionettenbühne "Märchenvogel" zurückdenkt, liegt ein Lächeln auf seinem Gesicht. Nur zu gern erinnert er sich an 1981, als in der gerade frisch sanierten Wuster Kirche die Konfirmanden das erste Stück "Lösche das Feuer, solange es glimmt" aufführten. Im Jahr zuvor war seine Frau Hannelore vom Kreiskabinett mit dem Förderpreis für Puppengestaltung ausgezeichnet worden. Das hatten auch die Jugendlichen, die konfirmiert werden sollten, mitbekommen. Unbedingt wollten sie ein Marionettenspiel einstudieren. Der Pfarrer, der eigentlich voll in die Kirchensanierung eingespannt war, stimmte zu und gemeinsam machte man sich an die Erarbeitung des christlich geprägten Stücks frei nach Leo Tolstoi. Beim Bau der Puppen half Hannelore Stephan den jungen Leuten. Das waren Ute Möhring, Katharina Bienemann, Carola Schmidt, Thomas Kerkow, Katrin Anton und Britta Oehlmann. "Die Kirche war zur Aufführung dieses christlichen Stückes rappelvoll", erinnert sich der Pfarrer. Deshalb blieben die Puppenspieler auch zusammen, nahmen sich als nächstes das Märchen "Die schöne Wassilissa" vor.

Von den talentierten Puppenspielern, die inzwischen in der Briester Kirche ihr Domizil bezogen hatten, hörte auch der Rat des Kreises Genthin und fragte, ob "Märchenvogel" denn auch in Kindergärten auftreten könnte. "So wurde aus uns ein sozialistisches Volkskunstkollektiv, das auch mehrfach ausgezeichnet wurden und durch die ganze DDR tourte."

Doch die Jugendlichen wurden erwachsen und verließen die Heimat, weshalb Erwachsene, die in Wust und Umgebung zu Hause waren, die Puppen übernahmen. "Mit Ach und Krach haben wir die Wende überlebt", erzählt Karlheinz Stephan. Auch die Westberliner und Westdeutschen fanden Gefallen am Märchenspiel, so dass die Puppenbühne die wechselvolle Zeit überstand und nach wie vor gut gebucht ist. Zweimal pro Jahr - zu Ostern und am ersten Advent - gibt es öffentliche Vorstellungen. Ansonsten sind es Gruppen aus dem ganzen Land, die zum Märchenspiel oder der nicht so viel Zeit in Anspruch nehmenden Puppen-Präsentation nach Briest kommen. Zum Repertoire gehören neben "Die schöne Wassilissa" und "Der Fischer und seine Frau" auch "Tischlein deck dich", "Hänsel und Gretel" und "Das fliegende Schiff". Die Puppen sind unter den geschickten Händen von Hannelore Stephan entstanden und werden von den Spielern mit großer Sorgfalt behandelt.

Ein Kaffeetrinken gehört zum Märchenspiel meist dazu - auch darum kümmert sich das Team. "Wir investieren zwar viel Zeit, aber es lohnt sich, wenn es den Zuschauern gefällt und sie anschließend auch gern spenden", so Ingrid Reumann. Geld hat der seit 20 Jahren bestehende Geschichtskreis und Marionettenbühne (GuM) auch immer dringend nötig. Denn an den sechs Kirchen zwischen Wust und Großwulkow gibt es viel zu tun. Auch in Briest. Hier muss dringend die Decke erneuert werden. "Das kostet, wenn wir sie nach den Plänen des Denkmalschutzes sanieren, immerhin rund 75000 Euro. Das Geld müssen wir erst einmal zusammenkratzen, zumal die Sanierung der Risse in der Sydower Kirche auch noch nicht abgeschlossen ist. Auf die lange Bank schieben können wir die Arbeiten hier in Briest nicht", macht sich der Pfarrer Sorgen um die Heimstätte des "Märchenvogels".

Diese Sorgen werden jetzt erst einmal beiseite geschoben. Denn die Marionettenbühne hat mit ihrem 30. Geburtstag guten Grund zum Feiern. Aus diesem Anlass gibt es zur Wiedereinweihungsfeier der Melkower Kirche am Sonnabend, dem 4. Juni, ab 21 Uhr eine Nachtvorstellung mit dem Lieblingsmärchen "Der Fischer und seine Frau".