Überall im Land teilen Lehrer heute Zeugnisse aus. Am letzten Tag vor den großen Sommerferien wird auf diese Weise Bilanz gezogen. Doch wie war das eigentlich früher? Und was stand etwa auf dem Zeugnis von Salzwedels Gymnasiumsleiter oder auf dem Zeugnis der Oberbürgermeisterin? Die Volksstimme fragte nach.

Salzwedel l Wer hätte das gedacht: Auch Salzwedels Oberbürgermeisterin Sabine Danicke wollte in Physik einmal schummeln und hat sich damit richtig Ärger eingehandelt. Die mühevolle Vorbereitung eines Spickzettels hatte damals so viel gebracht, dass sie ihn für die Arbeit zwar nicht benötigte. Doch die Aufregung war dennoch groß, und so gab das heutige Stadtoberhaupt den Spickzettel gleich mit ab. Das Ergebnis: eine glatte Fünf. Heute kann Sabine Danicke darüber schmunzeln. Doch vor ihren Eltern versuchte sie den Faux-pas zu verheimlichen. Aber wie das immer so ist: Am Ende kommt es ja doch raus, und so erzählte sie schuldbewusst, was geschehen war. Die Drei als Zeugnisnote war wohl das Ärgerlichste daran.

Apropos: Wie hat Sabine Danicke eigentlich die Zeugnisausgabe-Tage empfunden? Große Überraschungen habe es nicht gegeben: "Ich war so `ne Zweier-Tante", erzählt sie. Nur in Sport und Musik hatte sie immer Einsen. "Darauf habe ich auch großen Wert gelegt", sagt sie rückblickend. Kein Wunder, als einstige Leistungssportlerin... Und Sport sieht sie auch heute noch als Bereicherung: "Damit kann man alles aus einem Menschen herauskitzeln." Zeugnisse dokumentieren ihrer Ansicht nach Leistungen. Das sei wichtig. "Aber das Zeugnis ist nicht alles, es leitet sich daraus nicht alles über eine Person ab", findet sie. Schließlich entwickele sich ein Mensch im Verlauf eines Lebens. Wer etwa würde Sabine Danicke heute noch als zurückhaltend beschreiben, wie es in einer ihrer Beurteilungen steht. Eine Streberin sei Sabine Danicke nicht gewesen, sagt sie. Nur Hausaufgaben habe sie immer gemacht und sich auf Klassenarbeiten vorbereitet.

Der Leiter des Salzwedeler Jahngymnasiums, Rainer Aschmann, musste sich schon mehr anstrengen. "Und wenn ich nicht die Kontrolle aus dem Elternhaus gehabt hätte, hätte ich sicherlich einiges mehr schleifen lassen - mit den daraus folgenden Konsequenzen", sagt er zurückblickend. Der Tag der Zeugnisausgabe sei für ihn immer ein "besonderer, aufregender Tag gewesen, weil man nicht so genau wusste, was einen erwartet und was in den Worturteilen geschrieben stand".

"Meine Schrift ist saumäßig, noch heute."

Rainer Aschmann

Zu Hause gab es dann Lob, es wurde aber auch kritisch hinterfragt. Eine Drei im Schreiben war sicherlich kein Grund zur Freude: "Aber meine Schrift ist saumäßig, noch heute", sagt er schmunzelnd. Finanzielle Bestätigung gab es für ihn in ganz geringen Mengen: "Im Vordergrund stand die Familienstimmung."

Heute wissen die Schüler vorher, welche Noten sie bekommen. Überraschungen sollte es am heutigen Tag deshalb in keinem Elternhaus geben. Ziel und Zweck der Zeugnisse sind Aschmanns Ansicht nach, Bestätigung zu erfahren oder zum Überlegen gebracht zu werden, ob man manches im nächsten Schuljahr anders machen will.

Beide sind sich einig: Schimpfen und Schreien bringt wenig. Der Tipp von Sabine Danicke für Eltern: "Man darf das nicht überbewerten. Aber die Eltern sollten dran bleiben, und die Kinder ihre Eltern als Vertrauenspersonen nehmen. Ganz wichtig ist, miteinander zu reden. Manches Kind braucht die Begleitung seiner Eltern länger."

Und was rät der Chef des Gymnasiums? An seiner Schule werde es heute ohnehin sehr, sehr viele Zeugnisse geben, an denen es nichts zu nörgeln gibt. Und wenn doch, lautet seine Devise: "In Ruhe analysieren, herausfinden, welches die eigentlichen Ursachen sind, und sinnvolle Schlussfolgerungen daraus ziehen. Krakeelen hilft sicherlich nicht."

So oder so: Sabine Danicke und Rainer Aschmann wünschen allen Schülern schöne und erholsame Ferien, mit allem was dazu gehört.