Vor 25 Jahren haben Dorit und Wolfgang Kottler während ihrer Silberhochzeitsreise den Mauerfall verpasst. Erst auf dem Rückflug erfuhren sie aus der Zeitung davon. Zu ihrer goldenen Hochzeit feiern die Salzwedeler das Ereignis nun nach.

Salzwedel l Es ist der 4. November 1989, als sich Dorit und Wolfgang Kottler in ihrem Haus in Bayern von den Angehörigen aus der DDR verabschieden. Obwohl die Ostdeutschen jenseits der Grenze seit Wochen zu Tausenden für Freiheit und Demokratie demonstrieren, sind Mauerfall oder gar Wiedervereinigung an diesem Tag noch undenkbar.

Für die Kottlers zählt vielmehr das kleine Glück: "Aus Anlass unserer Silberhochzeit durften mein Bruder und meine Schwester damals erstmals aus Magdeburg in den Westen reisen", erinnert sich der heutige Salzwedeler Wolfgang Kottler gestern in seinem Haus in der Braunschweiger Straße. Beim Abschied im Herbst 1989 philosophieren die Verwandten darüber, wie lange es wohl bis zum nächsten Treffen dauern wird. "Bei der goldenen Hochzeit sehen wir uns wieder", so ungefähr lautete der letzte Satz, erzählt Kottler. Worte, aus denen die Resignation gegenüber den herrschenden Verhältnissen spricht.

"Ich schlag die Zeitung auf und da sitzen Menschen auf der Mauer."

Wolfgang Kottler

Dass es sehr rasch anders kommen würde, sollten die Eheleute erst viel später als die meisten ihrer Landsleute erfahren. Denn Wolfgang und Dorit Kottler - beide stammen ursprünglich ebenfalls aus dem Osten - brechen noch am 4. November zu ihrer Silberhochzeitsreise nach Lanzarote auf. Auf der Vulkaninsel vor der afrikanischen Westküste angekommen, genießen sie Sonnenschein und Wärme, erkunden karge Landschaften und die subtropische Pflanzenwelt. Davon, dass in der tausende Kilometer entfernten Heimat derweil die Schlagbäume hochgehen und die DDR in sich zusammenfällt, bekommen die Kottlers nicht das Geringste mit.

Das ändert sich erst, als die beiden am 11. November das Flugzeug gen Heimat besteigen. Schon damals ist es üblich, dass Fluggäste aktuelle Tageszeitungen als Lektüre bekommen. Als Wolfgang Kottler die Ausgabe vom 11. November 1989 in die Hand nimmt, traut er seinen Augen nicht: "Ich schlage die Zeitung auf, und da sitzen Menschen auf der Mauer, ich sag zu mir, was ist denn jetzt los", erzählt der studierte Physiker und schüttelt schmunzelnd den Kopf.

"Uns kam das im ersten Moment wirklich unglaublich vor", ergänzt Ehefrau Dorit Kottler. Klar, dass Tausende DDR-Bürger im Sommer 1989 über Ungarn und die deutsche Botschaft in Prag geflohen waren, dass es Demonstrationen gab und die DDR insgesamt am Wackeln war, all das habe man gewusst. "Aber uns war auch klar, dass die DDR von der Sowjetunion gestützt wird, wir hätten nie damit gerechnet, dass die Mauer fällt."

25 Jahre sind seitdem vergangen. Und obwohl die Kottlers den Mauerfall selbst verpassten, sollte er gerade ihr Leben doch nachhaltiger beeinflussen, als das der meisten Deutschen. So zog das Paar 2009 nach Stationen in Frankfurt/Main, Grenoble oder auch München nach Salzwedel und damit zurück in jenen Teil Deutschlands, dem beide 1960 den Rücken gekehrt hatten. Inzwischen leben sogar Töchter und Enkel mit im Haus.

Weil sie den 9. November 1989 in Deutschland verpasst haben, wollen die Kottlers am Sonntag in Eversdorf nun nicht nur ihre goldene Hochzeit, sondern vor allem auch den Mauerfall nachfeiern. Eingeladen dazu sind übrigens alle Geschwister des Paares. - Ganz ohne Reisegenehmigung darf der Besuch diesmal bleiben, solange er will.