Gemeinsames Gedenken: Mit einem Gottesdienst und gemütlichem Beisammensein haben die Menschen aus dem Raum Dähre und Osterwohle sowie Bergen/Dumme und Schnega an die Grenzöffnung vor 25 Jahren erinnert.

Lagendorf/Bonese l Mit der Lagendorfer Kirche hatten die Organisatoren bereits das größte Gotteshaus im Kirchspiel Dähre-Lagendorf ausgesucht. Doch die vorhandenen Plätze reichten bei weitem nicht aus, so dass Gemeindekirchenratsvorsitzender Michael Olms und seine Helfer weitere Stühle neben die Bankreihen stellten. Selbst auf der Empore saßen Besucher und die Bläser aus Dähre, Diesdorf, Salzwedel, Schnega und Bergen dicht gedrängt. Etwa 400 Besucher nahmen am Gottesdienst teil, und Stephan Wichern von Holten, Propst des Kirchenkreises Lüchow-Dannenberg, stellte zu Beginn seiner Predigt erfreut fest: "Wahnsinn, wie voll es hier ist!"

Erinnerungen an die Tage rund um den Mauerfall beherrschen diese Tage. Auch Stephan Wichern-von Holten erzählte seine persönliche Geschichte, die damit begann, dass er Günter Schabowskis Pressekonferenz und die erste Reisewelle verschlief. Doch am Tag danach habe es in Deutschland getuckert, spielte er auf die zahlreichen Trabis an, mit denen die Menschen auf den Straßen unterwegs waren. Die Geschichte eines Kunststudenten, der sich selbst auf einem Bild in einer Ausstellung in New York als Kleinkind zwischen seinen Eltern im Herbst 1989 aus der Leipziger Nikolaikirche kommend entdeckte und darüber in Tränen ausbrach, lasse ihn hoffen, dass man auch noch einen 60. oder 70. Jahrestag des Mauerfalls feiern werde, so Wichern-von Holten. "Denn befreit zu werden ist intensiver als frei zu sein", fügte er hinzu.

Er verglich den Wendeherbst und die Zeit danach mit der biblischen Geschichte des Auszuges des Volkes Israel aus Ägypten. Nicht nach jeder Befreiung komme man sofort ins gelobte Land. Davor liege zunächst die Wüste, doch wenn auch sie voller Leben sei, müsse man sie zunächst passieren. Daher dauere es auch, bis aus dem Ruf "Wir sind das Volk" tatsächlich "Wir sind ein Volk" werde. Freiheit sei ein guter Boden, auf dem etwas wachsen könne. Man werde noch länger brauchen, um zu begreifen, was man damals gewonnen habe. Denn es könne jederzeit wieder passieren, dass sich Menschen in Räumen des Vertrauens versammeln müssten, mahnte Wichern-von Holten.

Den musikalischen Rahmen des Gottesdienstes gestalteten der Gemischte Chor Dähre gemeinsam mit dem Singekreis Osterwohle unter der Leitung von Ursula Borrmann sowie der Gemischte und der Kirchenchor Bergen unter der Leitung von Heidrun Schmidt.

Nach dem Gottesdienst platzte auch das Dorfgemeinschaftshaus Bonese zum anschließenden Frühschoppen aus allen Nähten. Dähres Bürgermeister Harald Heuer erinnerte die Gäste daran, dass mit Mauerfall und Deutscher Einheit nicht nur der Wechsel von der Plan- zur Marktwirtschaft vollzogen wurde. Vielmehr setzten sich auch neue Familienbilder durch und das Freizeitverhalten änderte sich. Auch auf kommunaler Ebene habe sich seitdem einiges getan. Gab es 1991 noch eine Verwaltungsgemeinschaft (VG) Dähre, verschmolz diese schon ein Jahr später mit Diesdorf zu einer neuen VG. In den folgenden Jahren setzten sich die Verwaltungsreformen fort bis hin zur jetzigen Verbandsgemeinde Beetzendorf-Diesdorf. Heute bestehe die Gemeinde Dähre aus 17 Ortsteilen und habe aktuell 1524 Einwohner. 1991 hatten die damaligen Gemeinden Dähre, Lagendorf und Bonese zusammen noch 1934 Einwohner. "Aber seit 2010 haben wir keine Abwanderung mehr zu verzeichnen. Vieles hat sich zum Positiven gewendet, aber es ist noch viel zu tun", betonte Heuer.

Horst Rakow, 1989 ehrenamtlicher Bürgermeister in Schnega und später im sachsen-anhaltischen Landwirtschaftsministerium für die Förderung des ländlichen Raumes zuständig, blickte in einem Vortrag auf die Ereignisse des Herbstes 1989 zurück. Sowohl auf die auf politischer Ebene in Berlin als auch seine eigenen in der Region, sein Wiedersehen mit seinem Heimatort Harpe, die erste Fahrt nach Diesdorf bis hin zur Silvesterfeier in Bonese.

Dass mit dem Wegfall der Grenze plötzlich wieder ganz einfache Dinge möglich sind, brachte Dietrich Mozen bereits 1989 in einem Gedicht zum Ausdruck, gestern vorgetragen von Lena Reinecke, Leni und Maxine Eva sowie Tim Martin Gaedke, dessen letzte Zeilen lauten: "Drum lasst uns dankbar sein und klug / getrennt warn wir ja lang genug. Und wenn der letzte Zaun ist weg /gehn wir zu Fuß nach Kortenbeck".

   

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