Selten gewordene Tier- und Pflanzenarten finden in der Altmark noch Lebensräume. Die Niederung von Secantsgraben und Milde an der Grenze beider altmärkischer Kreise ist solch ein schützenswerter Raum. Ein Pilotprojekt will hier die Interessen von Naturschutz und Landwirtschaft zusammenführen.

Altmark l Nicht jeder Bewohner der Altmark dürfte schon einmal etwas vom Secantsgraben gehört haben. Dabei ist er ein durchaus bedeutsames Fließgewässer in der Altmark, das östlich von Darnewitz entspringt, das Gebiet südlich von Bismark durchzieht und nach einer Kurve gen Norden zwischen Poritz und Butterhorst in die aus Kalbe kommende Milde mündet. Immerhin hat der Secantsgraben auch einen Eintrag im Internet-Lexikon Wikipedia, wo nachzulesen ist, dass er "das Gebiet nordöstlich von sowie um Badingen entwässert".

Dies allerdings rechtfertigt noch keinen Beitrag in der Zeitung. Vielmehr hat der Secantsgraben, zusammen mit der Mildeniederung, eine bedeutende Rolle in Europa inne: Er ist wichtiger Lebensraum für schützenswerte Arten und Teil eines europäischen Schutzgebietes namens Natura 2000.

Erhalt gefährdeter Tier- und Pflanzenarten

Das etwa 25 Kilometer lange, schlauchförmige Areal von Secantsgraben und Mildeniederung (siehe Grafik), um das es hier gehen soll, setzt sich aus Vogelschutz- und Flora-Fauna-Habitat-Gebieten (FFH) mit artenreichen Feuchtwiesen und Niedermooren zusammen. Und eben diese Gebiete sollen dem Erhalt gefährdeter Tier- und Pflanzenarten dienen. "Die Flächen sind von überregionaler Bedeutung für Wiesenbrutvogelgemeinschaften und zahlreiche Zugvögel, die das Gebiet als Raststätte nutzen", erklärt Projektbeteiligter Nico Stiller.

Die damit in Zusammenhang stehenden EU-Richtlinien waren Initialzündung für das, Achtung, langer Name: "Pilotprojekt zur Verbesserung der Lebensbedingungen für die charakteristischen Arten in Teilen des FFH-Gebietes Secantsgraben, Milde und Biese und im Vogelschutzgebiet Mildeniederung". Das Gebiet befindet sich an der Grenze der Landkreise Stendal und Salzwedel. Darum sind beide Kreise auch mit der Durchführung des Projekts betraut. Neben den Umweltämtern ist die Hochschule Magdeburg-Stendal involviert sowie die in Stendal ansässige Firma IHU Geologie und Analytik.

Zusammenspiel von Natur und Landwirtschaft

Dabei geht es aber noch um mehr als "nur" Artenschutz und Lebensraumerhalt. Es geht um das selten konfliktfreie Zusammenspiel von Landwirtschaft und Naturschutz. "Wir müssen und wollen in diesem landwirtschaftlich intensiv genutzten Gebiet drei Bedingungen gerecht werden: den wasserwirtschaftlichen, den landwirtschaftlichen und den naturschutzlichen. Da müssen wir einen Kompromiss finden", sagt Herbert Halbe, Leiter des Umweltamtes des Altmarkkreises Salzwedel.

Ausgangspunkt ist folgender Zusammenhang: Wenn der Wasserspiegel infolge der Bewässerung der Felder sowie der Landtrockenlegung gesenkt wird, fehlt die Feuchtigkeit in den Wiesen und somit die Lebensgrundlage für zahlreiche Arten wie Amphibien, Insekten, Brut- und Rastvögel, Tag- und Nachtfalter. "Und diese für diesen Lebensraum typischen Arten zeigen, ob es dem Lebensraum gut geht", erklärt Volker Lüderitz von der Hochschule Magdeburg-Stendal.

Die größte Sorge gilt dabei dem Großen Brachvogel, dessen größter Sachsen-Anhalt-weiter Bestand hier in der Secantsgraben- und Mildeniederung zu finden ist. Verschwindet er, verschwinden auch sogenannte Begleitarten.

Unmöglich ist eine Harmonisierung des Zusammenspiels von Naturschutz und Landwirtschaft nicht. "Es gibt bereits Flächen, die im Sinne des Naturschutzes bewirtschaftet werden, und die Landwirte beteiligen sich auch wohlgemerkt aus eigenem Interesse heraus", sagt Dieter Jahn vom Umweltamt des Landkreises Stendal und wird ergänzt von Studienleiter Nico Stiller von IHU: "Alle untersuchten Bereiche sind zwar sehr stark durch den Menschen verändert, aber es ist Potenzial da und einige Arten sind nah an einem guten bis sehr guten Zustand."

Keine völlige Renaturierung, sondern Erhalt der Wehre

Eine völlige Renaturierung, also Vernässung und Vermoorung, sei mit dem Projekt jedoch nicht beabsichtigt. "Die Nutzungsschwerpunkte sollen konzentriert werden, das heißt, bestimmte Bereiche sollen für die Landwirtschaft, andere für den Naturschutz ausgewiesen werden", sagt Stiller. Grünland soll nicht verbrachen, sondern bewirtschaftbar bleiben. Wehre und Stauanlagen sollen und müssen bleiben, damit Wasser nicht verloren geht. Dringend erneuert werden müssen dafür die Wehre bei Algenstedt und Berkau.

"Der Wasserhaushalt in diesem Gebiet ist das Entscheidende", fasst Nico Stiller zusammen, "es muss die vollständige Entwässerung des Grünlandes verhindert, gleichzeitig aber eine regelmäßige Bewirtschaftung der Flächen gewährleistet werden."

Die Studie über den jetzigen sowie den zukünftig möglichen ökologischen Zustand und die Maßnahmenvorschläge wurden bereits 2011 erdacht. Zur Umsetzung gab es bislang jedoch kein Geld: etwa zwei Millionen Euro seien nötig. "Nächstes Jahr können wir erneut Fördermittel beantragen", sagt Denis Gruber, 1. Beigeordneter des Landkreises Stendal. Und sollten sie bewilligt werden, könnte es 2016 mit der Verwirklichung des Projekts Secantsgraben losgehen.

Woher im Übrigen der Name "Secantsgraben" kommt, ist nicht ganz klar. "Es ist ein alter Begriff, diese Bezeichnung gibt es auch in anderen Landkreisen", sagt Dieter Jahn. Ob es etwas mit dem mathematischen Begriff Sekante zu tun haben könnte, der vom lateinischen "secare" (schneiden) herrührt, ist nur eine Vermutung.

Ausführlicheres zum Pilotprojekt kann man nachlesen im Heft 22/23 2014 der Reihe "Untere Havel - Naturkundliche Berichte aus Altmark und Prignitz" (Hg. IHU Geologie und Analytik, Stendal)

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