Salzwedel. Im Jahr 2030 könnte die Altmark nicht nur 100 Prozent ihres Bedarfs durch erneuerbare Energien decken. Die Region könnte sogar die vierfache Energiemenge des Eigenverbrauchs für den Export zur Verfügung stellen. Diese Prognose wagte Prof. Dr. Winfried Schülke am Dienstagabend in der Salzwedeler Gaststätte Eisen-Carl. Dort verfolgten rund 60 Zuhörer zwei Fachvorträge, die die Energiepolitik und -entwicklung weltweit, im Wendland und in der Altmark zum Thema hatten. Die gastgebende Bürgerinitiative "Kein CO2-Endlager Altmark" hatte den informativen Abend unter den Titel "Wind, Sonne und Eigen-iniative" gestellt.

Dieter Schaarschmidt, Vorkämpfer für regenerative Energien im Landkreis Lüchow-Dannenberg, stellte das vor 15 Jahren per einstimmigem Kreistagsbeschluss angeschobene Projekt vor, das Wendland zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien umzustellen. Die damaligen Prognosen seien inzwischen von der Realität überholt worden. Während sich die Windenergie deutlich rasanter durchgesetzt habe, sei zum Beispiel der Markt für Pflanzenöl durch geänderte Förderungen fast zusammengebrochen. Auch die Energiegewinnung aus Holz und Stroh sei hinter den Erwartungen zurückgeblieben.

Dieter Schaarschmidt erinnerte an die Aussage der deutschen Energiekonzerne von 1993, dass Sonne, Wasser und Wind einmal maximal vier Prozent des Energiebedarfs decken könnten. "Wir sind jetzt schon bei 18 Prozent." Ihm zu Folge sei es möglich, Deutschland in 20 bis 30 Jahren komplett durch erneuerbare Energien zu versorgen. Dieser Möglichkeit stehe aber das Bestreben der Konzerne gegenüber, weiterhin Profite aus Kohle- und Atomstrom zu erwirtschaften. Laut der jüngsten Studie des Sachverständigenrates der Bundesregierung könnten im Jahr 2050 durch einen deutsch-dänisch-norwegischen Verbund erneuerbare Energien flächendeckend für sechs bis elf Cent je Kilowattstunde produziert werden.

Strom vorwiegend aus Wind und Biogas

Obwohl Politik und Verwaltung im Wendland – wie die Altmark Bioenergieregion – nicht viel für die Energiewende getan hätten, sei es gelungen, den Strombedarf vollständig aus erneuerbaren Energien zu decken, so Dieter Schaarschmidt. Dies sei vor allem Wind (55 Prozent) und Biogas (35 Prozent) zuzuschreiben. Hingegen gebe es im Verkehrsbereich (10 Prozent) und im Wärmesektor (25 Prozent) noch klares Nachholpotenzial für die regenerativen Energien.

Zu deren Exporteur könnte schon in 20 Jahren die Altmark werden, glaubt Winfried Schülke, 1. stellvertretender Vorsitzender der Bürgerinitiative "Gegen das Steinkohlekraftwerk Arneburg". Bereits jetzt übersteige die Energieproduktion (1,69 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr) den Verbrauch in beiden altmärkischen Landkreisen (1,3 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr). Laut dem Konzept seiner BI ließe sich die Produktion bis zum Jahr 2030 auf 5,5 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr steigern.

Demnach könnte ein massiver Ausbau der Photovoltaik durch eine Änderung des Baurechts forciert werden: Bei Neubauten müsste – soweit möglich – die Installation von Solarmodulen Pflicht werden. Neben dem Bau von Biogasraffinerien und Geothermiekraftwerken ließe sich auch die Windkraft effektiver nutzen, erklärte der emeritierte Physik-Professor der Universität Dortmund: Statt der jetzigen 371 Anlagen könnten künftig 300 leistungsstärkere die dreifache Energiemenge produzieren. Die Geothermie, für die die westliche Altmark gute geologische und geothermale Bedingungen biete, würde ihrerseits nicht nur ein guter Grundlastgeber für das Stromnetz sein, sondern auch die CCS-Technologie ausschließen. Nötig wären auch intelligente Speicherlösungen, die Lastschwankungen durch Wind und Sonne ausgleichen. Eine Option wäre ein Druckluftspeicher.

"Strompreis-Lüge" der Energiekonzerne

Unterm Strich, so Winfried Schülke, könnten die regenerativen Energien Strom zum Preis von 6,6 Cent je Kilowattstunde (exklusive Personal und Netzkosten) liefern. Damit seien sie absolut konkurrenzfähig zu dem von RWE geplanten Steinkohlekraftwerk Arneburg, das Energie für 8,3 Cent je Kilowattstunde (inklusive CO2-Abscheidung und CO2-Emissionshandel) liefern würde.

Die großen Konzerne würden alles daran setzen, nicht weitere Marktanteile zu verlieren. Schülke sprach vom "Kampf der Systeme". Dazu gehöre auch die "Strompreis-Lüge". Während sich der Strompreis im vergangenen Jahrzehnt von 13 auf 25 Cent je Kilowattstunde nahezu verdoppelte, betrug die durch die erneuerbare Energien verursachte Umlage lediglich 3,5 Cent je Kilowattstunde.

Carsten Brückner, ehemaliger Salzwedeler Stadtrat, zeigte sich skeptisch. Er begrüßte das grundsätzliche Anliegen, die erneuerbaren Energien massiv auszubauen. Allerdings hielt er die vorgelegte Berechnung für die Altmark für fragwürdig. Obwohl diese sich Bioenergieregion nenne, sei "fühlbar nichts rausgekommen", außer dass sich Gleichgesinnte getroffen haben, um gleicher Meinung zu sein. Den Worten müssten endlich Taten folgen. Vorbild sei für ihn Österreich.