Seit insgesamt sieben Jahren ist Marlies Schwuchow mehr als nur eine Bibliothekarin für das Salzwedeler Jahngymnasium. Doch Ende August läuft die befristete Anstellung der 59-Jährigen aus. Eine Lösung für das Problem weiß selbst Schulleiter Rainer Aschmann nicht.

Salzwedel. Die heutige Caféteria des Jahngymnasiums, die sich seit 1999 im rekonstruierten Altbau befindet, wurde bis 1997 als Turnhalle genutzt. Von dort aus gelangt man in die ehemaligen Umkleide- und Duschräume. Sie befinden sich – ein wenig versteckt – unter dem Treppenaufgang, der in den Altbau der Schule führt. Die Kleiderspinde und Duschköpfe sind während der Modernisierung demontiert worden. Sie wichen zahlreichen Regalen, die mittlerweile ein Mediensammelsurium von etwa 10 000 Büchern und rund 250 CDs und DVDs beherbergen.

Sichtlich stolz präsentiert Marlies Schwuchow einen von Martin Luther übersetzten Liedtextband aus dem Jahre 1588. Die gebürtige Salzwedelerin hält das älteste Ausleihstück der Schulbibliothek in der Hand. Des Weiteren stehen zahlreiche Bücher aus dem 18. und 19. Jahrhundert hinter Glasvitrinen, die unter anderem die Schulgeschichte dokumentieren. Neben historischen Werken bietet die Bücherei, die in Kooperation mit der Stadt- und Kreisbibliothek Salzwedel steht, ebenso aktuelle Literatur. Das Angebot reiche von Abiturhilfen über Fachbücher bis hin zur Belletristik, sagt die 59-Jährige.

Mehr als 40 Prozent der Schüler nutzen Bücherei

Die Nutzungsstatistik über das vergangene Jahr löst bei ihr einerseits Freude aus, denn mehr als 40 Prozent der 716 Schüler liehen zirka 1000 Bücher aus. Andererseits stimmt es sie jedoch wehmütig, da die große Resonanz unrelevant erscheine. Trotz des Zuspruchs soll ihre Anstellung über die Arbeitsförderung, Beschäftigung, Strukturentwicklung (ABS) "Drömling" GmbH in Klötze Ende August dieses Jahres auslaufen.

Mit kleinen und größeren Unterbrechungen sei sie insgesamt sieben Jahre in der Schulbücherei beschäftigt, sagt Marlies Schwuchow. 84 Monate, in denen sie nicht nur den Büchern, sondern der gesamten Schule Aufmerksamkeit widmete.

Die Geschichte beginnt 1999. Die gelernte Industriekauffrau erhielt damals durch das Salz-wedeler Arbeitsamt die Information, dass das Schulamt ein Stellengesuch ausgeschrieben habe. Dabei handele es sich um die Beschäftigung in einer zeitlich begrenzten Maßnahme in der Bibliothek des Jahngymnasiums, erinnert sich die 59-Jährige. Um die Tätigkeit ausüben zu dürfen, absolvierte sie in der Stadt- und Kreisbibliothek ein dreimonatiges Praktikum. Nach dessen Beendigung setzte sich Marlies Schwuchow im Auswahlverfahren gegen andere Bewerber durch, denn Schulleiter Rainer Aschmann und Birgit Eurich, damalige Verantwortliche im Schulamt, entschieden sich für sie. Von 1999 an bis heute, allerdings mit wiederkehrenden Unterbrechungen, sei sie über die ABS Drömling GmbH angestellt. Seit drei Jahren werde ihre Stelle mit finanziellen Mitteln aus dem Europäischen Strukturfonds unterstützt.

Einführung junger Schüler in neue Medien

Und so kümmert sich die 59-Jährige um die Beantragung von Fördermitteln, beispielsweise zur Finanzierung von Neuanschaffungen. Zudem gehöre das Erstellen von Ausleihstatistiken und die Ausgabe von Büchern zu ihrem Aufgabenfeld. Hinzu komme die Katalogisierung der Lektüre, vor allem bedingt durch den Zusammenschluss des Jahngymnasiums mit dem Kollwitzgymnasium und folglich die Übernahme dessen Medienbestandes. Des Weiteren führt Marlies Schwuchow junge Schüler in die neuen Medien, so zum Beispiel ins Internet, ein. Zugleich müsse sie aber auch als Sozialpädagogin agieren, denn in der Bibliothek, die direkt an die Caféteria grenzt, bekomme sie sehr schnell mit, wenn einzelne Schüler von den eigenen Kameraden ausgegrenzt und gehänselt werden. Ihr großes Engagement reicht selbst über die Dienstzeit an Werktagen hinaus, ist sie doch Mitglied im erweiterten Vorstand des Fördervereins des Jahngymnasiums.

Pennäler und Lehrer schätzen ihre Arbeit

Die Schüler, das Kollegium und die Schulleitung wissen die Arbeit von Marlies Schwuchow zu schätzen. "Sie arbeitet stets akribisch, ist hilfsbereit, einfühlsam, bei Problemen lösungssuchend und daher nicht mit Gold aufzuwiegen", lobt Schulleiter Rainer Aschmann. Sie wirke aktiv und positiv am Schulbild und garantiere durch ihre Arbeit einen gewissen Qualitätsstandard. Diesen schätzt unter anderem Geografie- und Russisch-Lehrerin Ute Hofmann. So erzählt sie, dass ein Lehrbuch nur über begrenzte Ressourcen verfüge. Aber durch die Nutzung unterschiedlicher Medien, wie Internet oder Fachliteratur, könne man über den Tellerrand schauen. Das werte den Unterricht zum einen informell und zum anderen methodisch auf.

Angebot wichtig für Fahrschüler

Auch für Anastasia Korezatkow und Pauline Komarek, die beide in die 12. Klasse gehen, ist die schuleigene Bibliothek notwendig. Sie können durch das reiche Angebot Vorträge ausarbeiten, ohne das Haus verlassen zu müssen. Das sei besonders für Fahrschüler sehr wichtig, sagen die Zwölftklässlerinnen.

Wenn bis Ende August keine Lösung gefunden sei, erklärt Rainer Aschmann, verliere nicht nur Marlies Schwuchow ihre Anstellung. Nein, auch das gesamte Gymnasium verliere eine Person, die das Schulbild über Jahre mitgestaltet habe. Zudem würde ihr Abgang das bestehende Angebot zusammenbrechen lassen.

"Hoffen, dass es weitergeht", ist das einzige, was Marlies Schwuchow und dem Jahngymnasium bleibt.