Sie hatten keine Waffen und waren doch Soldaten. Eine Diskussionsrunde im Jahngymnasium klärte über einen wenig bekannten Teil der DDR-Geschichte auf.

Salzwedel l Ein kleines Schließfach. Gerade groß genug für ein Buch und ein paar gesammelte Briefe. Das war alles, was Andreas Ilse als Bausoldat an privaten Dingen in der Kaserne haben durfte.

Nur wenige Monate nach dem Mauerbau führte die Regierung der DDR 1962 den Wehrdienst ein. Da war Ilse, Sohn eine Pfarrers, gerade ein Jahr alt. 1964 wurde schließlich mit dem Bausoldatendienst ein Wehrersatz für die jungen Männer geschaffen, die den Dienst an der Waffe verweigerten. Zwischen 1964 und 1990 nahmen etwa 50000 diese Möglichkeit in Anspruch. Ein Bruchteil der etwa zweieinhalb Millionen Wehrdienstleistenden bei der Nationalen Volksarmee (NVA). "Der Ersatzdienst war zwar gesetzlich geregelt aber politisch und gesellschaftlich nicht gewünscht", erklärte Andreas Ilse am Mittwochabend im Rahmen einer Diskussionsrunde im Jahngymnasium. Dort wurde die Ausstellung "Briefe von der waffenlosen Front" über Bausoldaten gezeigt.

Ilse wurde 1979 als 18-Jähriger gemustert und erklärte den Beamten schon dort, dass er vorhabe, als Bausoldat zu dienen. "Woher wissen Sie denn davon?", fragten die Männer. "In den normalen Gesetzestexten war darüber nichts zu finden", erklärte Ilse am Mittwoch. Nur über Freunde, Bekannte oder die Kirche erfuhren junge Männer in der DDR von der Möglichkeit einen Ersatzdienst abzuleisten. "Der einzige Unterschied zum normalen Wehrdienst bestand allerdings darin, dass Bausoldaten keine Waffen hatten", erläuterte Ilse. Die Ausbildung und Unterbringung waren gleich. Doch auch wenn Bausoldaten ohne Waffen dienten, waren sie Mitglieder der NVA und unterstützten dadurch, oft gegen ihren Willen, die militärischen Ziele der DDR. "Ich kenne Leute, die mussten Raketenstellungen bauen oder Kasernen. Da hat man sich schon gefragt ob das besser ist, als selber eine Waffe zu tragen", beschrieb Ilse den Gewissenskonflikt, den viele ehemalige Bausoldaten im Publikum bestätigten. "Wir waren damals Pazifisten in Uniform", beschreibt Ilse das, was viele fühlten. Aber nicht nur das eigene Gewissen machte den jungen Männern oft zu schaffen, auch der militärische Drill und unbedingte Gehorsam, dem sie durch ihre Verweigerung eigentlich zu entkommen hofften, machten Probleme. "Ich war damals gerade Vater einer jungen Tochter und durfte sechsmal für vier Tage Urlaub nehmen", sagte Ilse. Oft wurden von den Vorgesetzten willkürlich Urlaubssperren verhängt und Andreas Ilse blieb wie tausenden Leidensgenossen nichts anderes als Briefe an die Geliebten zuhause zu schreiben. Hunderte davon wurden aufbereitet und in der Wanderausstellung "Briefe von der waffenlosen Front" öffentlich gemacht. Für Ilse liefern diese Texte "einen ungeschönten Einblick in einen Alltag, der manchmal grauer als grau war".

Bilder