Acht Monate nach der verheerenden Hochwasserkatastrophe beschäftigt das Thema die Menschen in Barby. Denn trotz der niedrigen Pegelstände bleibt das Problem des Grund- und Drängwassers. Im Hauptausschuss sollte mit Christian Jung ein Fachmann des Landesamtes für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft Rede und Antwort stehen.

Barby l Der Pflegezustand der Gräben im Gebiet der Stadt Barby interessierte die Mitglieder des Hauptausschusses des Stadtrates. Das Thema ist nicht nur für die Volksvertreter von Interesse. Zahlreiche Bürger verfolgten die Diskussion und durften selbst ebenso Fragen stellen.

Denn das Thema birgt nach wie vor viel Zündstoff in der Einheitsgemeinde. Entsprechend aufgebracht verlief teilweise die Diskussion. So beurteilen viele Bürger als auch Volksvertreter die Grabenpflege in der Stadt kritisch. Längst nicht alle Gräben werden von dem zuständigen Unterhaltungsverband, dessen ehrenamtlicher Geschäftsführer ebenfalls der Fachmann Christian Jung ist, ordentlich durchgeführt, wurde Kritik laut.

Durch das Hochwasserereignis im vergangenen Jahr, entgegnete Christian Jung, sei mit der schweren Technik nicht an jeden Graben heranzukommen. Noch immer stünden teilweise Flächen unter Wasser, machte er klar.

Besonders vernachlässigt in der Grabenpflege sehen sich Gnadauer Bürger. In den vergangenen Jahren hätten sich dicke Schlammschichten in den Gräben abgelagert. Warum diese nicht entfernt würden, fragte ein Einwohner nach. Weil dies keinen Effekt bringe, meinte Christian Jung.

Den Einwand der Bürger, dass der Graben vor vielen Jahren schon einmal ausgebaggert wurde und danach das Wasser abfloss, wollte er nicht gelten lassen. Das Wasser in den Kellern der Häuser lasse sich so nicht lösen, zeigt sich Christian Jung überzeugt.

Als Ursache für die Probleme mit den nassen Kellern macht der Fachmann vor allem einen gewaltigen Anstieg des Grundwassers verantwortlich. "Seit 2006 ist das Grundwasser um 1,5 Meter gestiegen", zeigt er auf die Messwerte der vergangenen Jahre. Mit Gräben allein könne das Problem aus seiner Sicht nicht gelöst werden.

Im Elbhinterland, wie Gnadau, steigt aktuell der Grundwasserspiegel noch an. Denn ganz langsam bewegt sich die unterirdische Wasserwelle auf die Elbe zu. Monate wenn nicht Jahre könne es noch dauern, schätzt er ein, bis sich die Wasserstände wieder auf das alte Niveau abgesenkt haben. Selbst wenn die Flüsse weiter niedrige Wasserstände haben wie zurzeit, erklärt er.

Zufriedenstellend sind die Antworten für die Gnadauer kaum. Handeln solle der Unterhaltungsverband, fordern die Bürger Christian Jung auf. Das Wasser vernichte jeden Tag Werte. Da könne der Verband nicht einfach tatenlos zusehen, fragen sie sich nach der Verantwortung.

Schließlich, mischte sich Kämmerin Sigrid Hochgräfe in die Diskussion, könne die Stadt etwas mehr Aktivität von dem Unterhaltungsverband erwarten, sagte sie. Schließlich zahle die Stadt jedes Jahr 200 000 Euro für die Pflege der Gräben.

Dass das Wasser so schlecht abfließe, liege aber auch an dem geringen Gefälle in der Landschaft, machte Christian Jung deutlich. Werden die Gräben vertieft, schneide er den unterirdischen Grundwasserspeicher an. Dann liefen die Gräben auch nur voll und das Wasser bliebe in den Gräben stehen, zeigt er sich überzeugt.

Die Geduld der Bürger im täglichen Kampf gegen das Wasser ist in einigen Ortschaften allerdings erschöpft. Die Bürger erwarten Hilfe von den Fachleuten, um das Wasser aus den Häusern zu bekommen. Sorgen machen sich ebenso die Barbyer darüber, dass bei einem erneuten Hochwasser wieder die halbe Stadt absäuft. Dabei hielten die Deiche an Elbe und Saale auf der Barbyer Seite den Wassermassen stand. Die Saale drückte aber einen Teil ihrer Wassermassen durch die dicken Kiesschichten im Boden unter die Schutzwälle. Von hinten lief die Kleinstadt in der Folge langsam voll. Der Landgraben konnte die enormen Wassermassen nicht durch die Stadt führen. Das große Problem sei, bemerkte ein Bürger, dass das ganze Wasser des Landgrabens erst durch die Stadt geführt werde, um dann über Pömmelte bis nach Glinde in die Elbe zu fließen. Schlauer wäre es vielleicht, meinte er weiter, wenn die Wassermassen gar nicht erst Barby erreichten, sondern schon vorher in Richtung Elbe umgeleitet werden.

Die Vorfahren der heutigen Bewohner waren offenbar schlauer, was den Umgang mit dem Drängwasser aus der Saale angeht. Früher gab es hinter dem Saaledeich einen zweiten Deich. Die zweite Erdaufschüttung hatte nach heutigen Erkenntnissen die Aufgabe, das durchsickernde Qualmwasser zu fangen und anzustauen. Ganz nebenbei sorgte der Druck des sich aufstauenden Wassers dafür, dass weniger Wasser durch den Untergrund sickern konnte. Vielleicht, meinte die Tornitzer Ortsbürgermeisterin Regina Grube (CDU), sollte die ehemaligen Deiche an den Saale wieder aufgebaut werden.

Um Geduld bei der Umsetzung der verschiedenen Vorhaben forderte derweil Bauamtsleiter Holger Goldschmidt. Die Umsetzung von Vorhaben erfordere viel Zeit, erinnerte er. Zahlreiche Behörden müssten in die Planungen einbezogen werden, um eine Genehmigung zu erhalten. Er könne die Ungeduld ja verstehen, dennoch müsse die Kommune erst die notwendigen Schritte durchlaufen, ehe für notwendig erkannte Bauvorhaben gestartet werden könnten.

Nach dem Hochwasser hat die Kleinstadt eine ganze Reihe von Vorhaben entwickelt, um bei künftigen Hochwasserereignissen gewappnet zu sein. Ein hoher zweistelliger Millionenbereich werde notwendig sein, um die Projekte umzusetzen, sagt Bürgermeister Jens Strube.

Eine Idee dabei ist zum Beispiel, die Kiesseen als Wasserspeicher und Puffer zu nutzen. Mit Kanälen sollen die Seen verbunden werden. Vor mehr als 30 Jahren, als der Kiesabbau in der Region begann, wurde übrigens schon einmal über die Auswirkungen auf den Wasserhaushalt diskutiert, erinnert Christian Jung. Damals hatten die Fachleute vor allem die Sorge, dass der Landstrich austrockne, erinnert er sich. Die große Verdunstungsfläche sorgte die Fachmänner damals, schildert er. Die Leute hatten einfach Angst, dass zu viel Wasser einfach von der Sonne verdampft werde als unterirdisch nachfließen könne. Aus heutiger Sicht war die Annahme unbegründet.