Morgen jährt sich die Sprengung der Barbyer Elbbrücke zum 69. Mal. Die Sprengmaschine bediente ein junger Funker, der eigentlich andere Aufgaben hatte.

Barby l Am 12. April `45 wird von einem deutschen Major die Brückensprengung befohlen. Der Soldat, der den Zündhebel herunter drücken soll, weigert sich mannhaft. Daraufhin zieht der Major seine Pistole und droht: "Wenn Sie jetzt nicht sprengen, erschieße ich Sie!!!" Eine Szene, die nicht ohne Filmdramatik ist. Aber sie stimmt nicht.

Die wahre Version wurde vom damaligen Obergefreiten Rolf Stedingk zu Protokoll gegeben, der es wirklich wissen musste: 10. April. In Güterglück erteilte ihm ein Offizier den Befehl, als vorgeschobener Beobachter am östlichen Brückenwiderlager (Nuthe) in Stellung zu gehen. Dort befanden sich bereits mehrere Soldaten. Man beobachtete das Barbyer Ufer gespannt, wo die ersten Amerikaner vermutet wurden. Am 12. April kam Unruhe in die Gruppe. Man glaubte Kettenrasseln zu hören und Panzer zu sehen. Irgendjemand der Beobachter fluchte: "Ist denn hier keiner, der mit dem scheiß Sprengkasten umgehen kann?!" Weil der Feuerwerker nicht auffindbar war (Stedingk: Möglich, dass der im Wald war, um seine Notdurft zu verrichten) erhielt der Obergefreite den Befehl, den Kurbelinduktor zu betätigen. Er verband zwei Drähte, leierte und drückte den Hebel herunter. Es gab eine gewaltige Detonation, die ihn um einige Meter nach hinten schleuderte. Die Zeit: etwa 19.45 Uhr. Der 22-jährige Funker und Fernsprecher Rolf Stedingk hatte den mittleren Flusspfeiler der Eisenbahnbrücke in die Luft gejagt, so dass zwei Joche zusammengenkickt in der Elbe lagen. Wie es sich herausstellte, war von den Amerikanern doch noch keine Spur zu sehen. Reine Nervensache.

Schon Tage zuvor hatte man mit einem Eisenbahnkran fünf Fliegerbomben, von denen jede 500 Kilogramm (!) wog, als Ladung am Pfeiler angebracht.

Rolf Stedingk erinnerte sich: "Im Prinzip bin ich zu der Sprengung gekommen, wie die Jungfrau zum Kind. Und nur, weil ich der Sprengkiste am nächsten stand."

Als die Spitzen der 83. US-Infanteriedivision einen Tag später (13. April) gegen 9 Uhr Barby erreichten, benötigten sie nur wenige Stunden (14. April), um an der Fähre eine Pontonbrücke über die Elbe zu bauen. Sie wurde nach dem neuen US-Präsidenten "Trumanbridge" genannt. Die Sprengung der Elbbrücke hatte keinerlei militärischen Vorteil gebracht. Erst 1948 war sie wieder befahrbar.

Wenige Stunden vor der Sprengung fuhr noch ein Zug über die Brücke in Richtung Westen. Er wurde von SS-Leuten bewacht. Zwischen der Flutbrücke Flötz und der Elbbrücke hielt der Zug kurz und die SSwarf vier oder fünf Leichen von KZ-Häftlingen aus einem der Waggons. In Höhe Neugattersleben wurde der Zug von Tieffliegern beschossen. Die SS-Bewacher machten sich aus dem Staub, überlebende Häftlinge flüchteten.

Aus Höhe Güterglück schoss die deutsche Eisenbahnflak auf die Maizena (12.4). Dort wurden Amerikaner vermutet. Die Granaten verfehlten das Ziel und trafen die benachbarte Raffinerie/Chemische Fabrik. Sie brannte acht Tage lang.

In einer der kommenden Volksstimme-Ausgaben berichtet der Brumbyer Werner Schacke (83) über seine Kriegserinnerungen.

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