Der Abriss der flutgeschädigten Taubebrücke zwischen Rajoch und Lödderitz begann am Montag. Voraussichtlich im Dezember soll ein Ersatzneubau stehen und die Landesstraße wieder befahrbar sein. Doch in Rajoch treibt die Bürger etwas anderes um.

Lödderitz-Rajoch l Die kürzeste Verbindung zwischen dem Lödderitzer Ortsteil Rajoch im Salzlandkreis und Diebzig im Landkreis Anhalt-Bitterfeld ist ein knapp zwei Kilometer langer Feldweg. Er ist asphaltiert und nicht als Straße gewidmet. Wollen die Rajocher seit der Deichbruchkatastrophe in ihre Nachbargemeinde, müssen sie einen riesigen Umweg über Sachsendorf, Groß Rosenburg und Lödderitz machen. Grund sind die Flutschäden an der Taubebrücke. Laut Guido Soika, Leiter der Landesstraßenmeisterei Atzendorf, soll die Brücke im Dezember wieder befahrbar sein.

"Das ist ja schön, aber uns nützt das nichts, wenn wir nach Diebzig wollen", sagt Rosemarie Barby, die in Rajoch wohnt. Sie ist zornig, weil der Feldweg von einem Tag auf den anderen "für Fahrzeuge aller Art" gesperrt wurde. "Der war bis 3,5 Tonnen schon immer frei", grollt die 72-Jährige. So lange sie denken kann, benutzten die Rajocher den Feldweg regelmäßig, auch damals, als er noch nicht befestigt war.

Schleichwegfinder

Was war geschehen? Der Weg war nach Sperrung der Landesstraße zum Umleitungsgeheimtipp für pfiffige Schleichwegfinder geworden. Dementsprechend groß war der Verkehr. Was früher den Einheimischen vorbehalten war, wurde nun zur Rasepiste. "Besonders schlimm war es, als die vor einigen Wochen zwischen Lödderitz und Diebzig die Chaussee wegen Bauarbeiten voll gesperrt hatten", sagt Rosemarie Barby. Aus dem beschaulichen Rajoch war ein Ort mit viel Durchgangsverkehr geworden.

Das ging so lange, bis die Stadtverwaltung Barby nach Anwohnerbeschwerden die Reißleine zog. Es folgte eine verkehrsrechtliche Anordnung, der Weg wurde gesperrt und zwar für Alle. "Einige Bürger aus Rajoch hatten sich bei uns beschwert", informiert Amtsleiterin Karin Knopf. Deren Argument: Wir haben für den Neubau der Straßen Anwohnerbeiträge entrichtet - jetzt werden sie von Fremden kaputt gefahren.

Folgerichtig stand eines Tages die Polizei im Gebüsch und kassierte die Illegalen ab. Pro Nase 25 Euro Bußgeld - das läpperte sich.

Doch wie so oft im Leben hat die Medaille zwei Seiten. Im Ort wurde es ruhiger, doch der Weg war nun auch für die Rajocher Tabu. "Vollkommen in Ordnung, dass die Polizei abkassiert", betont Wilfried Barby (69), der mal Wehrleiter in Lödderitz war. "Doch weil Fremde den Weg missbrauchen, werden nun auch Einheimische betraft."

Rosemarie und Wilfried Barby fordern das Zusatzschild "Frei für Anlieger". "Wir gehören zur Kirchengemeinde Diebzig, dort ist der Bäcker und die einzige Kneipe weit und breit", argumentiert die 72-Jährige. Deswegen hatte man sich an die Einheitsgemeinde gewandt, doch sei abgeblitzt. (Der Feldweg ist in Rechtsträgerschaft der Stadt.) "Die wissen in Barby gar nicht wie das ist, wenn man in einem Ort weitab jeglicher Infrastruktur wohnt", steigt bei Rosemarie Barby der Blutdruck.

Sie möchte doch nur ein kleines Schild "Anlieger frei", mehr nicht. Könne so nicht Bürgerfreundlichkeit aussehen?

Karin Knopf verweist auf den Gleichbehandlungsgrundsatz. Es könne nicht mit zweierlei Maß gemessen werden. Zudem sei der Weg laut Feld- und Forstgesetz ohnehin Tabu.

Theoretisch.

Wenn die Polizei nicht kontrolliert - und das tut sie ja meistens an Stellen, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen - rollen die Illegalen schon wieder munter durch Rajoch. "Ich habe sie nicht gezählt", winkt Wilfried Barby ab, "aber 50 bis 70 Fahrzeuge sind das am Tag."

Egal, ob dort ein Sperrschild steht oder nicht.

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