Der gegenwärtige Niedrigwasserstand der Elbe lässt an der Barbyer Eisenbahnbrücke merkwürdige Fundamente zu Tage treten. Sie werden erst ab einem Pegelstand unter 1,30 Meter sichtbar.

Barby l "Was`n das? Hat hier mal ein Haus gestanden?", zeigt der sechsjährige Leon auf einen der oval gemauerten Steinkreise, die vom Elbewasser grün und grau gefärbt wurden. "Ja, Kinder", lächelt Iris Jacob, "das ist gut beobachtet. Deswegen sind wir hier."

Die praktische Seite

Die Kita-Leiterin wird von zwei Kolleginnen begleitet, um den Kindern die praktischen Seiten ihres "Brückenprojektes" nahe zu bringen. In Vorbereitung des Brückenfestes am kommenden Sonnabend hatten sich die Knirpse an einem Malwettbewerb zum Thema beteiligt, Kindgerechtes über die Geschichte der Brücke gehört.

Nun also die Praxis.

Der Trupp wuselt am Elbufer herum, sucht Muscheln und Schnecken, winkt einem vorbeifahrenden tschechischen Schubboot zu, freut sich über den tutenden Gruß der Wasserschutzpolizei. Es geht über Stock und Stein, bis ein gemähter Streifen das Gehen für die kurzen Beinchen erleichtert.

Endlich sind die Fünf- und Sechsjährigen an jenen Steinkreisen, über deren einstige Funktion die allerwenigsten Erwachsenen wissen.

Was hat es damit auf sich?

Kähne mit Segel

Die gleichmäßig gesetzten Hartbrandziegel am Fuße der Eisenbahnbrücke ragen nur selten aus dem Wasser empor - eben nur, wenn der Pegel weniger als 130 Zentimeter anzeigt. Sie lassen Flächen erkennen, die etwa fünf Meter lang und gut vier Meter breit sind. Man muss schon sehr neugierig sein, um die Frage nach ihrer Herkunft zu stellen. Drei Fundamente befinden sich stromaufwärts, eins in Richtung Hafeneinfahrt.

Die Kita-Erzieher hatten vor Jahren davon in der Volksstimme gelesen, die Steinkreise sozusagen im Hinterkopf behalten.

Hilfreich bei den Recherchen war damals das Wissen des Pömmelter Dorfchronisten Heinz Warnecke. Der hatte anhand eines historischen Fotos bereits vor 30 Jahren herausbekommen, dass dort Pfeiler standen, die in ihrer Form denen der Brücke glichen, nur kleiner waren. An ihnen machten vor über hundert Jahren Schiffe fest, um ihre Segelmasten umzulegen. Man muss wissen, dass bei der Erbauung der Barbyer Elbbrücke 1879 die Kähne noch über Hilfssegel verfügten. Auch am ersten Brückenpfeiler kann man noch heute riesige Eisenringe betrachten, die wohl eine ähnliche Funktion hatten.

Auf einer zeitgenössischen Fotografie der Jahrhundertwende sind zwei der Hilfspfeiler noch zu sehen, auf einen ist ein Kran. Nach dem Brücken-umbau 1908/09 nicht mehr. Man kann davon ausgehen, dass sie zu diesem Zeitpunkt abgerissen wurden, was Symbolcharakter hat.

Überflüssig geworden

Der komplette Stahlbau der Brücke wurde nach knapp 30-jähriger Liegezeit gegen eine stärkere Konstruktion ausgetauscht, weil die Züge schwerer und schneller wurden. Auch auf dem Wasser war die Entwicklung nicht stehen geblieben. Das Dampfschiff hatte den Segler abgelöst, womit die Pfeiler überflüssig wurden.

Das alles erfuhren die Kinder, wenn sie nicht gerade von Schnecken, Käfern oder anderen spannenden Dingen abgelenkt wurden.

Brennnesselerfahrung

Wer sich das Umfeld der heutigen Brückenpfeiler aufmerksam ansieht, wird Bruchstücke behauener Steine in der Uferbefestigung entdecken. Mittlerweile sind es weniger geworden, da sie "Liebhaber" fanden. Wie und wann sie dorthin gelangten, ist ungeklärt. Fest steht, das es sich um Steinmetzarbeiten handelt, die wesentlich älter sind als die Brücke. Man kann nur spekulieren. Sind es Teile der alten gräflichen Burg, die Ende des 17. Jahrhunderts dem heutigen Barockschloss weichen mussten? Unsere Vorfahren waren nicht zimperlich mit Kulturgut. Besonders Steine wurden immer wieder verwendet.

Nach diesem Ausflug in die Brückengeschichte tobten die Elbespatzen wie die jungen Fohlen zur Brücke, um von dort die Aussicht zu genießen. Dabei machten zwei kleine Mädchen eine Erfahrung, die sie so schnell nicht vergessen werden: Sie trafen auf unangenehme Pflanzen, die sich wehren, wenn man sie berührt: Brennnesseln. Völlig verdattert schrieen die beiden Püppis wie am Spieß, überhaupt nicht wissend, was ihnen widerfuhr.

Fazit: Es ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr, dass Erzieher Heimatgeschichte vermitteln. Wobei es auch zu Selbsterfahrungen kommen kann, die ein bisschen auf der Haut brennen.

   

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