Dienstagabend, gegen 21.35 Uhr, drangen aus der Barbyer Klosterkirche St. Johannis die Geräusche einer Schlägerei. Die Gewalt war Gott sei Dank nicht real, sondern entsprang einem Kinofilm, der im Rahmen des Elbe-Saale-Camps gezeigt wurde.

Barby l Werner Waldheim ist extra aus Chemnitz in seine alte Heimat Barby gekommen, um den DEFA-Film zu sehen. Der heißt "Der Kahn der fröhlichen Leute" und kam 1950 in die Kinos. "Es war wie verhext: Ich habe ihn seitdem nicht wieder gesehen, obwohl er ein paar mal im DDR-Fernsehen lief", gesteht der 80-Jährige. Nun wundert sich der Sohn eines Barbyer Postboten, warum dieser Streifen ausgerechnet in einer Kirche gezeigt wird. "Das hätte man sich vor 64 Jahren auch nicht träumen lassen, als er um die Ecke im Kino Goethestraße zu sehen war", schmunzelt Waldheim.

Es sind nicht in erster Linie die austauschbaren Inhalte des heiteren Liebesfilms, die den Wahl-Sachsen die weite Strecke nach Barby machen ließen. "Ich hatte als Junge ein Paddelboot, mit dem ich oft auf der Elbe fuhr", sagt er. Dort fielen ihm im Sommer 1949 Filmleute auf, die tagelang vor der Brücke arbeiteten. "Die waren gut drauf. So richtig fröhlich, wie auch im Film."

Werner Waldheim weiß noch genau, wie der Streifen in das Barbyer Kino kam: "Den haben sich auch die Russen angeguckt, wie auch uns russische Filme gezeigt wurden." Die Besatzer waren im Schloss untergebracht. Obwohl sie wenig verstanden, gingen sie gerne ins Barbyer Lichtspielhaus.

Zu den zahlreichen Besuchern zählt in der Johanniskirche auch Rudolf Lorfing aus Schönebeck. Er hatte damals die beiden Hauptdarsteller nach der Premiere im Schönebecker "Astoria" live erlebt. Petra Peters (als Marianne Butenschön) und Fritz Wagner (als Michel Staude) traten dort auf und sangen jenes Lied, das sich wie ein musikalischer roter Faden durch den Film zieht. Rudolf Lorfing vermutet, dass die Beiden bald darauf in den Westen gegangen sind. Richtig ist aber, dass Peters aus Remscheid und Wagner aus Heilbronn stammen, das ja im Westen lag.

Die DEFA verfilmte das Buch des Schriftstellers und Journalisten Jochen Klepper vollkommen ideologiefrei. So spielte es auch keine Rolle, dass Hauptdarsteller Fritz Wagner 1941 in dem Nazi-Propagandafilm "Stukas" mitwirkte.

Die Figuren im "Kahn der fröhlichen Leute" sprechen neben Hochdeutsch auch rheinländischen, sächsischen und hamburger Dialekt. Jahre später wurden "westliche Mundarten" nach Kräften in DDR-Filmen vermieden, wenn sie keine ideologische Botschaft hatten. Aber im Sommer 1949, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten, gab es ja noch keine DDR.

Populäres Elbschiff

Was die Leute Dienstagabend so zahlreich in die Kino-Kirche lockt, sind weniger die Handlung, sondern eher die Handlungsorte. Der Motorgüterkahn "Eintracht" der Protagonisten hat laut Drehbuch vor der Barbyer Elbbrücke einen Motorschaden. Man sieht die ein Jahr zuvor frei gegebene Elbbrücke aus mehreren Perspektiven, die 1945 gesprengt worden war. Auch wird ein Mann gezeigt, der die havarierten Schiffer von der Brücke aus anpöbelt, ihren "Kahn da wegzunehmen". "Nimm du doch deine Brücke weg", kommt als launige Antwort.

Der Schönebecker Zeitzeuge Rudolf Lorfing kann sich gut erinnern, wie begeistert man war, wenn man später der "Eintracht" auf der Elbe begegnete. "Wir waren als Frohsianer viel mit dem Paddelboot unterwegs", berichtet er. Da sei es mehrfach vorgekommen, dass das populäre "Kino-Schiff" die Elbe befuhr.

Laut Camp-Initiatorin Jutta Röseler geschah die Auswahl dieses Filmes im Rahmen des Elbe-Saale-Camps aus aktuellem Anlass. Man erkläre sich solidarisch mit den Bemühungen jener Bürgerinitiative, die sich für den Erhalt der (stillgelegten) Eisenbahnbrücke stark mache, hieß es.

Zum Abschluss sei die anfangs erwähnte "Schlägerei in der Kirche" erhellt: Am Ende des Films kommt es zu einer handfesten Auseinandersetzung in einer Hamburger Hafenkneipe, die zuweilen Züge von Bud Spencer Terence Hill trägt.

Wer zu diesem Zeitpunkt an dem Gotteshaus vorbei ging, war arg verwundert ...

   

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