Barby l "Ach, weißt du Arnold", sagt Rosel Knönagel zu ihrem Mann, "wir haben so viel Platz im Garten, lass uns eine Laube bauen." Das Lehrerpaar ist fast 60, die Rente in Sicht, da will man es sich im avisierten Ruhestand ein bisschen gemütlich machen. Der Garten verspricht aktive Erholung, Obst und Gemüse.

Jeder Laubenbau beginnt mit einem Fundament, 80 Zentimeter tief, mit Schweiß und Mühe. Doch die Laubenpieper-Bauherren sind zwar verdiente Pädagogen, aber keine Tiefbauer. Da kommt Rosel auf eine Idee. "Ich habe in meiner Klasse so ein paar Rabauken, die mit ihren Kräften nicht wissen wohin. Die werde ich mal fragen." Und sie hat im Hinterkopf: Wenn bei Betragen eine "4" steht, kann es nur von Vorteil sein, der Klassenlehrerin einen Gefallen zu tun. So sehen es auch die beiden Pubertierenden und willigen ein, das Fundament auszuschachten. Außerdem winken ihnen ein paar Mark.

Der Bauplatz wird abgesteckt, die rechten Winkel nach dem Pythagoras ermittelt. Arnold, der mal Schulleiter in Pömmelte war, doziert: "Hierbei hilft uns der Satz des Pythagoras, nach dem Dreiecke mit einem Seitenverhältnis von 3 zu 4 zu 5 rechtwinklig sind." Die Aktion bekommt sogar noch einen didaktischen Hintergrund.

Nach einigen Spatenstichen stößt einer der Jungen auf einen Widerstand: "Herr Knönagel, kommen Sie mal, da ist Holz." "Das muss raus, nützt alles nichts", zeigt sich Arnold K. unbeeindruckt. Beim weiteren Schachten schälen sich rechtwinklige Umrisse heraus.

Eine Kiste!

Etwa eine Schatzkiste?

Das ansonsten so besonnene Lehrerehepaar ist plötzlich sichtbar aufgeregt. Arnold, dessen Hobby die Heimatgeschichte ist, denkt sofort an den aufgelassenen Herrnhuter-Gottesacker, der hier ganz in der Nähe ist. Auch der jüdische Friedhof ist nicht weit. Aber nein, eine Kiste passt nicht zu deren Glauben.

Endlich gelingt es den Ausgräbern, den morschen Deckel zu öffnen. Zum Vorschein kommen weder Gold, silberne Löffel noch Pokale, sondern ein Kopf. Ein Bronzekopf.

Sehr bald wissen die Knönagels und ihre Helfer, wen sie da in den Händen halten: den Führer.

Ach du Schreck. Nun findet man einmal in seinem Leben einen Schatz und nun das ...

Tags darauf meldet Arnold Knönagel seinen Fund den "staatlichen Stellen". Rat der Stadt, Rat des Kreises, ja, sogar die Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit in Schönebecks Böttcherstraße werden über Umwege informiert. Aber keiner positioniert sich so richtig, wie man mit dem unseligen Geist aus der Kiste umgeht. Wochenlang steht der "Führer" bei den Knönagels in der Ernst-Thälmann-Straße im Keller. Vermutlich gibt es in der überregulierten DDR keine entsprechende Dienstvorschrift.

Bis es Arnold reicht. Normalerweise hätte er ja die Bronzeplastik irgendwie ganz elegant entsorgen können. Aber da ist ja seine pädagogische Vorbildfunktion. Und: Schließlich weiß man auch nicht, wie die beiden Schüler das Thema im Örtchen verbreiten würden. Er muss den Kopf aus wertvollem Buntmetall auf saubere Weise loswerden.

Der aus Berlin stammende Arnold Knönagel besinnt sich der DEFA, setzt einen Brief an das "VEB Studio für Spielfilme" in Babelsberg auf. Dem bietet er seinen Führer-Fund an. Wenige Tage später flattert ein Brief aus Potsdam auf seinen Tisch: "Wir sind gerne bereit, die Büste zum Schrottpreis aufzukaufen und bitten um entsprechende Rechnungslegung an unser Studio." Zuvor hatte Arnold K. ausgerechnet, dass die 8400 Gramm schwere Bronze, bei einem Schrottpreis von 2,50 Mark pro Kilo, 21 Mark erbringt. Herr Melzer, Leiter der DEFA-Requisite in der "Hauptabteilung Ausstattung", drückt vorab seine Dankbarkeit aus, wenn Herr Knönagel die Möglichkeit hätte, die "Büste verpackt zuzusenden".

Musste ja der Postillion nicht unbedingt sehen, wen er da zustellte ...

So kam es, dass der Barbyer Bodenfund möglicherweise in historischen Filmproduktionen den Hintergrund bildete.

Doch wer vergrub den Hitler? 1966, als Rosel und Arnold Knönagel mit ihren Kindern von Großmühlingen nach Barby zur Großmutter zogen, wurde vom Nachbarn ein Stück Gartenland angekauft. Jenes Land, wo die Laube darauf gebaut wurde. So steht die Vermutung im Raum, dass Nachbar F. im April 1945 vor Angst und körperlicher Anstrengung schwitzend, ein großes Loch schachtete ...

(Nach Informationen des Sohnes Rudolf Knönagel)

 

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