Große Pläne gibt es mit der nachgestellten Kreisgrabenanlage bei Pömmelte. Wenn im Frühjahr 2016 alles fertig ist, soll sie mit einem Jazzkonzert eingeweiht werden. Am Mittwoch hatte der "Vater" des Projektes, der Landtagsabgeordnete Gunnar Schellenberger, zum Vor-Ort-Treffen gebeten und auch den Direktor des Goethe-Institutes in Washington eingeladen.

Pömmelte l Es regnet Bindfäden, und der Dezemberwind treibt die kalten Tropfen erbarmungslos in die Gesichter. Alle ziehen die Schultern hoch und den Hals ein, nur Gunnar Schellenberger kommt daher, als würde er einen Maientag durchschreiten. Gut gelaunt marschiert der Landtagsabgeordnete über den aufgeweichten Ackerboden voraus und die kleine Gruppe folgt, mehr rutschend als schreitend. Doch der Ausflug in die Feldweite zwischen Schönebeck und Pömmelte lohnt selbst bei diesem miesen Wetter.

In den vergangenen Monaten ist hier, unweit des Flugplatzes von Zackmünde, eine Kreisgrabenanlage nachgestellt worden, die an genau dieser Stelle vor mehr als 4000 Jahren gestanden hat. Die Volksstimme berichtete mehrfach über das Projekt, das sogar international Beachtung findet. Jetzt ist aus dem Plan Realität geworden. Kroatische Robinienhölzer simulieren einen Kultplatz, der den Altvorderen heilig gewesen sein dürfte: Was heute eine Kirche, waren damals, in der Steinzeit und später in der Bronzezeit, Kreisgrabenanlagen. Sie dienten kultischen Zwecken, wohl auch astronomischen Beobachtungen. In England überdauerte das aus Steinen errichtete Stonehenge die Jahrtausende. Im Schönebecker Raum verwendeten die Menschen statt Steine Baumstämme, die freilich längst verfault sind. Die Robinien gelten als relativ preiswert, hart und damit langlebig, deshalb fiel die Wahl auf sie. Im Original dürften Eichen verwendet worden sein. Vor 4000 Jahren gab es davon im mitteldeutschen Raum noch größere Vorkommen - und eine Kreisgrabenanlage musste nicht öffentlich ausgeschrieben werden.

Gunnar Schellenberger hat zu dem Treffen vor Ort eingeladen und dazu Dr. Alfred Reichenberger vom Landesamt für Denkmalschutz und Archäologie in Halle nach Schönebeck gebeten, ebenso Manon Bursian, Stiftungsdirektorin der Kunststiftung Sachsen-Anhalt, und Wilfried Eckstein, den Direktor des Goethe-Institutes in Washington.

"Ein tolles Projekt, aus dem müssen wir was machen."

Wilfried Eckstein

Eckstein wirkt begeistert. Ihn hat Schellenberger bei einem Besuch in den USA kennengelernt. "Ein tolles Projekt, aus dem müssen wir was machen", lässt Eckstein mit einem Urteil nicht lange auf sich warten. Als der Archäologe Alfred Reichenberger darauf hinweist, dass eine Schönebecker Tischlerei mit der Anfertigung von Figurenstelen beauftragt worden ist, kommt Eckstein sogleich in den Sinn, später Künstler aus aller Welt nach Schönebeck einzuladen: Künstler mit ethnografischem Wissen, die ähnliche Stelen erschaffen können, mit der kulturgeschichtlichen Tradition ihrer Heimatländer als Vorlage. Später, im trockenen Auto, bringt Eckstein auch ein Jazz-Konzert mit internationalen Musikgrößen ins Spiel. Sie könnten die Anlage, wenn sie, wahrscheinlich im Frühjahr 2016, rundum fertig ist, feierlich einweihen. Gunnar Schellenberger findet die Idee super.

Aber wäre Jazz, bei aller Wertigkeit und Hochschätzung dieser Musikrichtung, denn keine Entweihung der einst heiligen Stätte? Reichenberger sieht das nicht so eng, ebensowenig Dr. André Spatzier, der Ausgrabungsleiter. "Es ist eine Visualisierung. Eine Rekonstruktion sieht anders aus", sagt er. Den Wissenschaftlern ist freilich auch bewusst, dass die mit öffentlichen Geldern dargestellte Anlage öffentlichkeitswirksam vermarktet werden muss. Darum ist geplant, sie in das Tourismusprojekt "Himmelswege" aufzunehmen. So soll die alte Kultstätte zum "touristischen Einfallstor" für den Berliner Raum werden.

Der rein wissenschaftliche Nutzen ist mit der Ausgrabung bereits gegeben. Was hier zutage kam, soll demnächst in einem extra Raum im Salzlandmuseum ausgestellt werden. André Spatzier hat mit dem mitteldeutschen "Stonehenge" ein großes Los gezogen. Seine mit höchster Auszeichnung beurteilte, jüngst verteidigte Doktorarbeit basiert auf den Ausgrabungen. "Diese Arbeit ist schon für Fachleute recht speziell, deshalb wird es eine populärwissenschaftliche Kurzfassung geben, die dann für jeden interessierten Menschen zur Verfügung steht", stellt Spatzier in Aussicht.

Die zweite, näher bei Schönebeck liegende, geschichtlich jüngere und zu Dreiviertel ausgegrabene Kreisgrabenanlage lässt Spatzier und Reichenberger keine Ruhe. Auch sie soll, wenngleich das Zukunftsmusik und die Finanzierung noch völlig offen ist, rekonstruiert werden. Allerdings anders. "Wir wollen nicht das Gleiche noch einmal", sagt Reichenberger und verwendet das Wort "Landart", also eine Mischung aus Kunst und Landschaftsarchitektur.

"Die Anlage war die Vorstellung von der Welt."

Dr. André Spatzier

Ebenso in die Zukunft blickend, betont Schellenberger: "Wir brauchen einen Förderverein und die Unterstützung durch das Landesamt in Halle, um das Drumherum so zu beleben, dass die Anlage attraktiv bleibt und die Menschen hierher kommen." Der "Vater der Anlage", wie ihn Reichenberger bezeichnet, macht darauf aufmerksam, dass neue Fäden geknüpft werden müssen, so, wie es mit dem Goethe-Institut in Washington jetzt geschah.

Zum Zeitplan: Spätestens im Frühsommer soll die simulierte Anlage, inklusive der jetzt georderten Figurenstelen, fertig sein. Dann fehlen noch Parkflächen, eine Zufahrtsstraße, mit Glasschotter angedeutete Grundrisse der hier einst gestandenen Häuser und ein Aussichtsturm, für dessen Realisierung derzeit die Ausschreibung läuft. "Wir werden mehrere Eröffnungstermine haben, was ja auch ein Werbefaktor ist", meint Alfred Reichenberger.

Noch einmal befragt zur Bedeutung der wohl 350 Jahre lang genutzten Anlage für die damaligen Menschen, gebraucht André Spatzier beeindruckende Worte: "Sie war die Metapher des Weltenkosmos`. Sie war die Vorstellung von der Welt und wie ich mich darin abbilde als Mensch."

   

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