"Von Bürgern für Bürger" lautete das Motto, unter dem Britta Duschek und ihre Mitstreiter 2008 die Bürgerstiftung Salzland ins Leben riefen. Mit dem Förderpreis Aktive Bürgerschaft, der mit 10 000 Euro dotiert ist, erfährt die Stiftung jetzt bundesweite Anerkennung.

Schönebeck l Mitunter scheint es, als könne Britta Duschek selbst nicht glauben, wie rasant sich alles entwickelt hat. 2011 begann die Vorstandsvorsitzende der Bürgerstiftung gemeinsam mit ihren Kollegen Steffen Uhlig und Sigrid Meyer von der Städtischen Wohnungsbau GmbH (SWB) das Konzept "Anker - Halt finden im inneren Chaos" zu entwickeln. Neben dem Bereich soziale Notlagen hat sich die Stiftung besonders einem Thema verschrieben: dem demographischen Wandel.

Laut Landesamt für Statistik werde im Jahr 2025 die Zahl der über 65-Jährigen in Sachsen-Anhalt bei 31 bis 32 Prozent liegen. Zum Vergleich: In Schönebeck betrug sie bereits Ende 2012 34,77 Prozent. "Der Anteil der Älteren in unserer Gesellschaft steigt enorm und damit auch das Demenzrisiko", mahnt Duschek. "Ende 2010 gab es in Schönebeck 600 Erkrankte bei 8787 Einwohnern, heute sind es bereits 720 Betroffene." - Tendenz steigend. Dennoch war Demenz bis vor einigen Jahren ein Tabuthema.

Die Bürgerstiftung begriff genau diesen Umstand als Chance, für die Zukunft lebenswerte Modelle zu entwickeln. "Wir können uns ja nicht einfach zurücklehnen und sagen, was geht mich das Leid anderer an. Ich bin der Meinung, was man heute nicht anpackt, kann man morgen nicht haben", so Duschek.

Die 55-jährige Diplomsoziologin will selber mitgestalten,. "Wir verstehen uns als Leuchtturm für andere Regionen", so Duschek, die hofft, dass die Arbeit der Stiftung ein Modell für Sachsen-Anhalt und womöglich sogar für die gesamte Bundesrepublik werden kann. "Wir wollten die Leute aufrütteln und den Finger in die Wunde legen", erklärt die Wahl-Schönebeckerin.

Auch Werner Böhnke, Vorsitzender des Kuratoriums der Aktiven Bürgerschaft und der Jury, sieht die Bürgerstiftung Salzland in einer Vorreiterrolle: "Die Auswirkungen des demographischen Wandels wie in Schönebeck erreichen die meisten Kommunen in Sachsen-Anhalt in zehn Jahren."

2015 wird das Kompetenzzentrum eröffnet

Dank der Unterstützung des Bundestagsabgeordneten Burkhard Lischka (SPD), der Duschek und ihren Mitstreitern Termine bei Ministern verschaffte und wertvolle Tipps gab, konnte das Wohnprojekt Anker auf den Weg gebracht werden. Im Sommer 2015 wird zusätzlich zum Demenz-Servicezentrum, das als Informations- und Beratungsanlaufstelle dient, ein Kompetenzzentrum mit Wohngruppen eröffnet.

"Im Jahr 2010 gab es lediglich zwei Wohngruppen mit 30 Plätzen, damals standen jedoch schon über 100 Leute auf den Wartelisten." Viel zu lange habe man versucht, die Leute zu verstecken und einfach wegzusperren. Die Stiftung wolle dem entgegenwirken und stattdessen aufklären und deeskalieren. Man dürfe die Augen nicht vor der Krankheit verschließen.

Um das Thema mehr in die Öffentlichkeit zu rücken, finden seit 2013 sogenannte Angehörigencafés statt: "Anfangs hatten wir sechs bis sieben Teilnehmer, mittlerweile sind es über 20, die von Hannover bis Wernigerode anreisen", berichtet Duschek erfreut. "Das hat sich unheimlich rasant entwickelt. Wir sind vom Bedarf überholt worden."

Bei jedem Treffen wird ein Thema gemeinsam mit einem Fachreferenten erörtert. Die Bürgerstiftung möchte den Menschen so zugleich einen fachlichen Input sowie einen Erfahrungsaustausch ermöglichen, "damit die Leute merken, dass sie nicht allein sind. Die meisten haben kaum jemanden zum Reden."

Bei den Cafés stellte sich heraus, dass auch viele Mitarbeiter aus dem Pflegebereich großen Informationsbedarf haben. Da nur über klare Organisationsformen die vielfältigen und breitgefächerten Anforderungen und Aufgaben bewältigt werden können, wurde schließlich im Mai die Interessengemeinschaft Demenz-Netzwerk Schönebeck gegründet. Die Zahl der Partner im Netzwerk ist auf 25 gestiegen, darunter die Volkssolidarität, die SWB, Sozialkonzept oder die Alzheimer Gesellschaft.

Um die vielen Bereiche abdecken zu können, wurden fünf Arbeitsgruppen gegründet, die sich beispielsweise um die Organisation der Angehörigencafés, Öffentlichkeitsarbeit und Fördermittel oder die Zusammenarbeit mit Ärzten und Krankenhäusern kümmern. Zwei Mal im Jahr kommen alle zur Mitgliederversammlung zusammen.

Dass die Arbeit der Stiftung nun eine bundesweite Würdigung erfährt, scheint so nur eine logische Konsequenz. "Am 14. November waren wir in Berlin und haben vor einer hochrangigen Jury unser Demenz-Netzwerk vorgestellt", erinnert sich Duschek. "Es ist eine tolle Bestätigung, wenn man bedenkt, was wir als damals erste Bürgerstiftung Sachsen-Anhalts in einer kleinen Region in der kurzen Zeit zustande gebracht haben." Es mache sie stolz, dass man es von 378 Bürgerstiftungen und 58 Bewerbern bis nach Berlin geschafft habe. Man dürfe nicht vergessen, dass bis auf Gabriela Schultz vom Demenz-Servicezentrum alle ehrenamtlich tätig seien. Wie das Preisgeld in Höhe von 10 000 Euro genutzt werden soll, ist noch offen.

Netzwerk soll auf dem Land erweitert werden

Für die Zukunft erhofft sich die Vorsitzende der Bürgerstiftung, dass das Thema eine noch größere Relevanz gewinnt: "Wir wollen den Schwung und die gestiegene öffentliche Wahrnehmung nutzen!" Dafür ist die Bürgerstiftung jedoch auch auf weitere Zustiftungen angewiesen: "Das Geld, das in den Stiftungsstock fließt, wirkt nachhaltiger. Es ist langfristiger angelegt, denn es bringt Erträge durch Zinsen."

Ein Ziel ist es, das Netzwerk im kommenden Jahr 2015 auch in den ländlichen Bereich zu erweitern. Am 25. Februar findet in Zusammenarbeit mit den Maltesern das erste Angehörigencafé in Calbe statt. "Wir verstehen uns als Initiator, der anschiebt und Strukturen schafft. Irgendwann sollen sich die Cafés allein als Selbsthilfegruppe organisieren. Aber das muss sich Schritt für Schritt entwickeln", sagt Duschek. Das Netzwerk scheint auf einem guten Weg.