Der Heilige Abend 1921 in Eggersdorf war überschattet von einem Mord. Das Opfer war Müllermeister Karl Röseler. Bis heute ist nicht endgültig geklärt, was vor 93 Jahren wirklich geschah.

Eggersdorf l Bei einem Spaziergang über den älteren Teil des Eggersdorfer Friedhofs fallen dem aufmerksamen Besucher zwei Grabanlagen besonders auf. Es sind die Familiengräber der Brüder Karl und Gustav Röseler.

Die reich verzierten Grabsteine lassen auf einen gewissen Wohlstand der Verstorbenen und ihrer Angehörigen schließen. Karl Röseler war der Besitzer der Bockwindmühle in der Tränkestraße 33. Das Mühlengrundstück lag abseits des Dorfes am Feldweg, der in Richtung Kanalchaussee führte. Gemeint ist die Chaussee von Schönebeck nach Calbe. Neben seinem Grab befindet sich das seines jüngeren Bruders Gustav. Ihm gehörte der große Bauernhof in der Winkelgartenstraße 1.

Auf einer ovalen, schwarzen Tafel, die sich am Grabstein von Müller Röseler befindet, ist sein Namen zu lesen, mit schlichtem Hinweis auf Geburtsjahr (1846) sowie Todesjahr (1921). Darunter ist noch eine zusätzliche Inschrift mit einem bemerkenswerten Spruch zu finden, der da lautet: "Die schuld sind an Deinem Tod, - Die straft der gerechte Gott."

Was hat es damit auf sich? Beim Betrachten des Grabes wird man kaum vermuten, dass sich 1921 auf dem großen Mühlengehöft ein grausames Verbrechen ereignete. Genau vor 93 Jahren wurde der Müller Karl Röseler in der Wohnstube seines Hauses tot aufgefunden. Diese Tat bewegt die Gemüter der Dorfbewohner. Heute wird noch daran erinnert. Obwohl kein Zeitzeuge mehr lebt, können besonders die älteren Einwohner des Ortes darüber berichten. Von Generation zu Generation wurde und wird noch über das Geschehene berichtet.

Die Gemeindeakten datieren diesen Fall als heimtückischen Mord, der sich in den späten Abendstunden des 24. Dezembers des Jahres 1921 ereignet hat. In der kleinen Eggersdorfer St.- Martin-Kirche wurde wie in vielen Orten ein Gottesdienst gefeiert. Pastor Küsel hat das Gotteshaus entsprechend herrichten lassen. Vor dem Altar brennen von zwei großen Weihnachtsbäumen die Kerzen, an den Seitenleuchtern tauchen sie den Raum in ein mystisches Halbdunkel. Zu den Besuchern zählte auch Eliese Röseler, die jüngste Tochter des Müllers. Sie lebte mit ihrem Vater allein im elterlichen Haus, denn die Mutter war bereits 1901 verstorben. Gemeinsam besuchte sie mit ihrer Cousine, Marianne Röseler, später verheiratete Becker, den Gottesdienst und hielt sich anschließend noch bei ihr zu Besuch auf.

Gottesdienst in der Kirche - Mord an der Mühle

Während dieser Zeit ereignete sich im Mühlengehöft des Vaters ein Verbrechen, das man in die Rubrik Mord einordnen kann. Als sie von ihrem Besuch zurückkehrte, stellte sie fest, dass der Klappladen vom Wohnzimmer nicht verschlossen war und das Fenster offen stand. Im Zimmer fand sie dann ihren toten Vater vor. Er wurde aus unmittelbarer Nähe erschossen.

Diese Nachricht ging natürlich an den folgenden Weihnachtsfeiertagen wie ein Lauffeuer durch den Ort, erregte die Dorfbevölkerung, brachte die Gerüchteküche zum Brodeln.

Was sich nun genau am 24. Dezember 1921 im Haus des Müllers zugetragen hat, darüber könnte(n) nur `der´ oder `die´ Täter berichten. Die sofortigen polizeilichen Ermittlungen ergaben, dass der Mörder durch das geöffnete Fenster eingestiegen sein muss, denn die naheliegende Hoftür war verschlossen und demzufolge hat der 75-jährige Müller seinen Mörder auch nicht in die Wohnung gelassen. Fest stand auch, dass die Wohnung durchsucht wurde und diverse Schmuckgegenstände gestohlen wurden. Die Ermittler gingen davon aus, dass Opfer und Täter sich gekannt haben müssen. Auch der sofortige Einsatz eines Fährtenhundes brachte die Untersuchung nicht weiter. Sie musste abgebrochen werden, weil der Hund die Spur verloren hatte.

Volksstimme berichtet 1932 über neuerliche Tätersuche

Zwei Kriminalbeamte begannen sofort mit den Ermittlungen, waren oft zu Besuch im kleinen Gemeindebüro des Dorfes. Ihre Arbeit war aber nicht von Erfolg gekrönt und ging nur schleppend voran. Gerüchte machten im Dorf die Runde, Vermutungen wurden geäußert, denn man ging davon aus, dass der Täter im Ort zu finden wäre.

Es blieb bei Verdachtsfällen. Hinter vorgehaltener Hand wusste zwar jeder mehr oder weniger zu berichten. Ein Ergebnis gab es nicht.

Erst nach Jahren kam wieder Bewegung in den Fall. Die Schönebecker Volksstimme verkündete am 6. Dezember 1932 in einem Artikel Folgendes: Überschrift: "Aufklärung einer Mordtat nach 11 Jahren steht bevor". Wortlaut des Textes: "Weihnachten 1921 wurde der Eggersdorfer Müller Röseler in seiner Wohnung von unbekannten Tätern erschossen. Der Ermordete saß am Tisch, der Täter feuerte durch das Fenster auf Röseler einen Schuss ab, der diesen tödlich traf.

Das Verbrechen blieb ungesühnt. Neuerdings sind der Polizei jedoch bestimmte Verdachtsmomente gekommen, die sich gegen einen in Haft befindlichen Arbeiter und Bandendieb (Vor- und Zunahme ausgeschrieben) richten, so dass Untersuchungen in dieser Hinsicht aufgenommen werden. Die Ermittlungen liegen in der Hand der Landeskriminalpolizei. Über das noch nicht abgeschlossene Verfahren kann, um einer Verdunklungsgefahr vorzubeugen, daher Näheres noch nicht gesagt werden." - So viel zum genauen Wortlaut des Zeitungsberichtes.

Bei dem namentlich Genannten handelt es sich um einen ehemaligen Eggersdorfer. Auch die erneut aufgegriffenen Untersuchungen brachten kein Ergebnis und verliefen schließlich im Sande. Dem Beschuldigten konnte man nichts nachweisen. Wieder gab es nur Vermutungen. Die geschiedene Ehefrau soll dem Beschuldigten zu einem Alibi verholfen haben. Und wieder kursierten Gerüchte über den Tathergang und die Wahrheit von Zeugenaussagen.

Zu einer Verurteilung kam es nicht.

Der geäußerte Wunsch auf der Grabtafel des Müllers ging somit nicht in Erfüllung. Ob der Täter die Strafe durch den gerechten Gott erhalten hat, kann nicht beantwortet werden. Fest steht aber, dass der Raubmord an den Müller Karl Röseler zu den unaufgeklärten Kriminalfällen zählt. Die Tat konnte nie gesühnt werden.

Hätte die Kriminaltechnik der damaligen Zeit die Erkenntnisse von heute, wäre eine Aufklärung des Falles sicher erfolgreicher verlaufen.