Am Heiligabend erinnert man sich gerne daran, wie das Fest früher war. Einige Dinge haben sich verändert, andere absolut nicht. Wie beispielsweise die Sache mit den elektrischen Kerzen ...

Barby l Es begab sich aber zu der Zeit, als ganz normale Fichten am "Heiligmorgen" in die Stube gestellt wurden. Oder auch einen Tag eher. (Die meisten Familien haben es heute zur Nordmanntanne oder Blaufichte gebracht. Die macht was her, wie im Designer-Garten geklont und nicht einfach nur im Wald gewachsen.)

Unsere Fichte war meist etwas schief, duftete aber, was die Nordmänner nicht können. Und sie brachte sich Monate später immer mal wieder in Erinnerung. Noch im Sommer fand man einige der gefühlt 500000 Nadeln unter dem Teppich.

Wenn der Baum zu wünschen übrig ließ, wurde er auf Vordermann gebracht. Da, wo fehlende Äste die Ästhetik störten, bohrte der Vater mit dem Handbohrer Löcher in den Stamm und steckte Äste hinein. Es flackerten auch noch richtige Wachskerzen am Baum, was besonders dem verantwortlichen Familienoberhaupt an den Nerven zerrte. Das Aufstellen von zwei Schüsseln Wasser gehörte ebenso zum weihnachtlichen Ritual wie Geschenke unter dem Baum zu platzieren. Irgendwann, so Ende der 60er Jahre, hielten Elektrokerzen Einzug. Das geschah etwa zeitgleich mit der Anschaffung eines UHF-Konverters, mit dem man das ZDF gucken konnte.

Mehrfach-Bescherung

In unserem Haus lebten drei Generationen unter einem Dach. Das hatte den Vorteil, dass die Kinder einen Haufen Geschenke bekamen. Erst bei Großmutter W., dann bei den Eltern, bei Tante H. und schließlich bei Onkel und Tante U., die im unteren Teil des Hauses einen Lebensmittelladen betrieben. Dafür mussten im Gegenzug allerdings auch viele Geschenke selbst gebastelt oder gekauft werden, um die Großfamilie zu beglücken.

Us., die ihren Laden wenige Stunden zuvor erst geschlossen hatten, weil auch damals die Leute bis auf den letzten Drücker einkauften, hatten viel Lametta am Baum. Seinen Abschluss bildete ein türkiser Stern aus Pappmaché, der noch immer bei den Nachkommen die Fichtenspitze ziert.

Gepflegt wurde ohnehin viel familiäres Brauchtum, ohne das es nicht richtig Weihnachten wurde. So baumelte schon eine Woche zuvor ein Hase am Dachfirst, der bei der traditionellen Dezemberjagd geschossen wurde. Die Großmutter sprach vom Abhängen, was der Fleischreifung diente.

Apropos, Ritual: Wenn anderswo Würstchen mit Kartoffelsalat als ultimative Heilig-Abend-Speise auf dem Tisch stand, war es bei uns Frikassee. Dieses Sammelsurium aus Huhn, Champignons, Gehacktesklößchen, Zunge, Spargel und Kapern hat bis heute Tradition.

Ein heikles Thema war zu allen Zeiten die Baumbeleuchtung. Der Weihnachtsbaumelektriker verfiel auf den letzten Poeng in Panik, wenn die ganze Lichterkette just nicht leuchtete, sobald man diese an die Steckdose anschloss. Nur weil eine oder mehrere Kerzen defekt waren oder einen Wackelkontakt hatten. Eines Jahres wurde die Fehlersuche zur Tortur. Die Zeit rannte einem eh schon davon. Also wurde die fehlende Kerze kurzgeschlossen, was aber den anderen nicht gut tat, weil sich damit die Spannung erhöhte. Aber immer besser, als das der Baum am Heiligen Abend dunkel blieb.

Für nachhaltige Entspannung sorgte im direkten wie übertragenen Sinne der Weihnachtsmann Stunden später höchstpersönlich: Unter dem Baum lag eine Riesenpackung Ersatzglühlampen des VEB Narva, die auch noch im Jahre 2014 ihren Dienst verrichten.

Hoffentlich heute Abend auch!