Zwei Schönebecker Kirchenglocken sind jetzt auf die Reise gegangen. Sie müssen zur Generalüberholung in eine Spezialwerkstatt nach Bayern. Das heißt: In Elbenau und Frohse schweigen erst einmal die Kirchen.

Schönebeck l Lange warten muss ein Sterblicher, wenn er Zeuge einer Glockenabnahme werden will. Zumindest in Friedenszeiten. Sage und schreibe 760 Jahre gingen ins Land, bevor es in Frohse soweit war. Gestern nämlich. Die anwesenden Mädchen und Jungen der nahegelegenen Kindertagesstätte und alle anderen Zuschauer des Geschehens erlebten also einen historisch zu nennenden Augenblick. Es galt, die wahrscheinlich aus dem Jahr 1250 stammende (sie ist auf jeden Fall vor 1280 gegossen worden), 900 Kilogramm schwere Bronzeglocke im Turm der St.-Laurentii-Kirche erstens aus dem Joch (so nennt sich die Halterung) zu lösen, sie zweitens ganz vorsichtig und mit Hilfe von Flaschenzügen zum Turmfenster zu bugsieren, sie drittens mit Hilfe eines 50-Tonnen-Kranes ebenso vorsichtig auf den Erdboden herunterzuholen und sie viertens auf einen Laster zu laden.

Aber zuvor gab es noch eine feierliche Verabschiedung. Gemeindepfarrer Johannes Beyer und Ehefrau Birgit, Kantor Carsten Miseler und Ehefrau Ulrike schickten die Bronzene aus dem Mittelalter mit auf Blasinstrumenten vorgetragenen Liedern auf die Reise.

Auf die Reise wohin?

"Nach Nördlingen in die Glockenschweißwerkstatt", erklärte Johannes Beyer. Denn die alte, aber fraglos noch gut erhaltene Lady braucht nach siebeneinhalb Jahrhunderten Dienst für eine höhere Sache eine handfeste Frischekur. An zwei Stellen ist sie durch das ungezählte Läuten dünner geworden als ihr gut tun kann. Außerdem fehlt ein Teil des Kronbügels, der die Glocke mit dem Joch verbindet. Mit diesem Problem sahen sich bereits die Altvorderen konfrontiert, die kurzerhand - eine aufwändige Glockenreparatur scheuend - eine Behelfsbefestigung realisierten, indem sie oben zwei Löcher in die Glocke bohrten und sie an einen Ersatzbügel hängten. Und jetzt soll alles wieder werden wie es 1250 war. Also gut.

Weshalb die Glocke in keinem der vielen Kriege auf deutschem Boden eingeschmolzen worden ist, weiß der ehemalige Pfarrer Johannes Schulz. "Es gab drei Kategorien. Glocken aus Kategorie 1 wurden sofort eingeschmolzen. Kategorie 2 hieß Warteschleife. Kategorie 3 galt als Kulturgut", erläuterte er das Herangehen der Glocken-zu-Waffen-Schmiede. Die Frohser Glocke ist demnach etwas ganz Besonderes, Kulturgut eben. Einen Namen hat sie übrigens nicht. Vor Ort gab es während der Verabschiedung aber einige Vorschläge: "Frohsina" etwa. Oder "Frohsiania".

In und um Frohse muss nun bis zum Herbst auf die Rückkehr der Patientin aus der Reha gewartet werden. Pfarrer Johannes Beyer und sein Amtsvorgänger Johannes Schulz halten es für möglich, dass "Frohsiania" zum Tag des offenen Denkmals am 13. September wieder an Ort und Stelle ist und ihrer zugedachten Funktion wieder nachgehen kann.

Einen Tag zuvor, also am Mittwoch, ist in der Elbenauer St.-Pankratius-Kirche die dortige Glocke ebenfalls vom Turm geholt worden. Auch sie - die Gute stammt aus dem Jahre 1470 - ist an zwei Stellen durch den Klöppel ausgeschlagen und damit "dünnhäutig" und muss in die Werkstatt nach Nördlingen. Besser gesagt: Sie ist schon da.

Im Herbst sollen alle Kirchen wieder eine Stimme haben.

Wie im Fall der Frohser Glocke übernahmen die Demontage und den Transport Gerd Lamkowski und Nick Rieser, sie sind Mitarbeiter einer Firma aus Kölleda. Beide hatten in Elbenau vergleichsweise leichtes Spiel, die Glocke wiegt knapp 45 Kilogramm. Ihr Schweißtermin ist Ende März, der Termin für die Frohser Schwester steht hingegen noch nicht fest.

In beiden Fällen sind für die Reparaturen Spenden gesammelt worden, mehrere tausend Euro kamen zusammen.

Nach den Worten von Pfarrer Beyer war das Glockengeläut in Schönebeck vor dem Ersten Weltkrieg von allen Kirchtürmen deutlich vielstimmiger als heute. Allein in Frohse gaben zeitweise vier Glocken den Ton an. Sie waren unterschiedlich gestimmt und beim Läuten erklang eine harmonische Tonfolge.

Für die Schönebecker St.-Jakobi-Kirche ist derzeit eine zweite Glocke in Arbeit, sie soll am 26. Juni in einer Werkstatt in Lauchhammer gegossen werden, fast eineinhalb Tonnen wiegen und wahrscheinlich im September in den Turm der Stadtkirche kommen; Kostenpunkt: rund 77000 Euro. Spätestens im Herbst, freut sich Pfarrer Beyer, habe jede Schönebecker Kirche wieder eine Stimme. Mindestens eine.

 

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