Schönebeck (fb/ky) l Hammad betritt das kleine Büro der Integrationshilfe Sachsen-Anhalt (IHSA) in der Böttcherstraße 30 in Schönebeck. Er ist verzweifelt. Hammad wohnt im Flüchtlingsheim am Ortseingang und könnte sich eigentlich freuen. Geflohen aus dem Krieg in Syrien hat er vor kurzem seinen Aufenthaltstitel erhalten und darf zunächst für drei Jahre in Deutschland bleiben. Wären da nicht sein kleiner Sohn und seine Frau, die sich immer noch im Kriegsgebiet aufhalten. Bei einem Luftangriff wurde sein Sohn verletzt, zum Glück nur leicht.

Er ist überrascht und erfreut, dass im Büro auch Arabisch gesprochen wird. Wie kann er jetzt seine Familie nach Deutschland holen, ist die Frage, die ihn seit Wochen kaum schlafen lässt. Es wird ihm im Büro erklärt, dass die deutschen Gesetze kompliziert seien. So haben als asylberechtigt anerkannte Geflüchtete das Recht innerhalb der ersten drei Monate nach Anerkennung ihre Familie nachzuholen - aber ohne Unterstützung der deutschen Behörden.

"Dieser Fall ist ein typisches Beispiel für die ersten Tage in der neuen Beratungsstelle für Migranten in Schönebeck", sagt Tobias Wuttke, der zuständig ist für die Öffentlichkeitsarbeit des Integrationshilfe-Vereins. Im Salzlandkreis leben, Stand März, 1087 Flüchtlinge. In Schönebeck sind 108 im Asylbewerberheim und weitere in Wohnungen untergebracht.

Mit dem Kreistagsbeschluss vom 4. März wurden verschiedene Integrations-Projekte im Salzlandkreis auf den Weg gebracht. Die IHSA ist seither für die Migranten in und um Schönebeck zuständig. Sie bietet Geflüchteten und Migranten Beratung und Unterstützung in den unterschiedlichsten Lebenslagen, von der Unterstützung im Asylverfahren bis zur Integration in die Gesellschaft.

Und hier passt das Beispiel von Hammad wieder. Denn die erste Anlaufstelle beim Nachholen seiner Familie ist - so berichtet es Tobias Wuttke - nicht die Ausländerbehörde in Bernburg, sondern die deutschen Botschaften im Ausland. "In Syrien haben die deutschen Diplomaten jedoch längst das Land verlassen", berichtet er von der Krux. Also heißt das erste Ziel, die Familie muss raus aus Syrien und in die Türkei, in den Libanon oder nach Jordanien. "Hier angekommen muss versucht werden, einen Termin bei der deutschen Botschaft zu erhalten", berichtet er weiter. In der Türkei befinden sich knapp 1,5 Millionen Geflüchtete aus Syrien, im Libanon rund 450 000 in Jordanien soll es auch bis zu 620 000 sein.

"Ein Anruf in der Botschaft in Ankara bestätigt die Befürchtungen", sagt Tobias Wuttke. Ein Termin sei kein Problem, jedoch erst im November sei der nächste frei. "Wie kann man unter diesen Umständen die dreimonatige Frist des deutschen Gesetzgebers einhalten, in der man seine Familie nachholen darf", nennt er eine wesentliche Frage und hat die Antwort parat: Ein Fall für die Asylrechts-Anwältin der IHSA.

Die Aufgaben des Vereins seien vielfältig, sagt Tobias Wuttke. Zugleich ist es Ziel der Initiative ein lokales Netzwerks zu schaffen. Behörden, Institutionen, ehrenamtlich Engagierte, Einwohner und Nachbarn, Sprachkursanbieter, Schulen, Vereine und viele andere sollen zusammengebracht, informiert und motiviert werden, sich den neuen Nachbarn zu öffnen und mit an einem positivem Miteinander mitzuwirken - sich aktiv einzubringen. Das Projekt Service- und Willkommensbüro der IHSA in Schönebeck ist zunächst auf den Zeitraum von März bis Dezember 2015 befristet. "Als erstes Modellprojekt dieser Art in Sachsen-Anhalt soll sich das Büro als Anlaufstelle für Migranten etablieren, Angebote neu initiieren und vorhandene koordinieren und damit dem krisen- und kriegsbedingten Anstieg der Flüchtlingszahlen weltweit begegnet werden", berichtet er.

Im Fokus stehen dabei die individuellen Problemlagen der betreuten Menschen, wie beispielsweise eine asylrelevante Beratung, die Zuführung oder Neuschaffung von Sprachangeboten oder der anschließende Zugang zum lokalen Bildungs- und Arbeitsmarkt. Auch neue Begegnungs- und Interaktionsmöglichkeiten zwischen den "Neuen" und der ortsansässigen Bevölkerung steht mit auf der Agenda der Arbeit - hiermit erhofft sich der Verein eine Verminderung eventuell vorhandener Berührungsängste auf beiden Seiten und mittelfristig ein harmonischeres Miteinander in der Gesellschaft.

Auf Landesebene stößt das Modellprojekt bereits auf großes Interesse und andere Landkreise haben sich bereits in Schönebeck über die Arbeitsweise des Vereins und Projekts informiert.