Nach dem Januarhochwasser zieht Pretziens Ortsteilbürgermeister Friedrich Harwig eine erste Bilanz. Er lobt nicht nur die Einsatzbereitschaft seiner Einwohner, sondern auch die Organisation der Stadtverwaltung. Kritisch blickt der Dorfchef wieder auf die Bundesstraße zwischen "Alter Fähre" und Plötzky. Ist das Wehr gezogen, sind die ostel-bischen Dörfer nach wie vor von Schönebeck abgeschnitten.

Pretzien/Ranies/Plötzky. Friedrich Harwig ist ent-spannt. Das Hochwasser vor einem Monat hat zwar auch den Ortsbürgermeister von Pretzien nicht kalt gelassen, doch haben er und die Einwohner des Dorfes Erfahrung. "Wissen Sie, bei uns im Dorf müssen wir nicht extra in der Zeitung veröffentlichen, dass Deichwachen gesucht werden. Wir haben eine Liste von Freiwilligen, die wir fragen. Außerdem teilen wir Handzettel aus. Das klappt, denn die Solidarität bei solchen Katastrophen ist bei uns sehr ausgeprägt", berichtet Friedrich Harwig gestern im Gespräch mit der Volksstimme.

Für die Anwohner und den Ortsteilbürgermeister sind Hochwasser keine Ausnahmeerscheinungen. "Die Menschen in den ostelbischen Dörfern leben seit Generationen mit dem Wasser", so Harwig. Sie haben Erfahrungen und wissen, was zu tun ist. Und nicht nur die Alteingesessenen, wie der Ortsteilbürgermeister berichtet, sondern auch die Neubürger. Wenn in Pretzien das Wehr gezogen wird, dann sind vor allem die südlichen Randbereiche des Ortes betroffen. Bewährt hat sich unter anderem ein Schutzwall am Fischerufer.

Als positiv bezeichnet Friedrich Harwig die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung. Dass das Dorf mit entsprechenden Materialien beispielsweise für die Deichwachen versorgt werde, sei nichts neues. Zudem gab es einen Verbindungsmann im Ostelbischen, der den Dauerkontakt zu der Verwaltung in Schönebeck hielt. "Was wir aber früher nicht in unserem eigenständigen Haushalt hatten, sind Mittel für die Verpflegung der Deichwachen. Dass das heute anders ist, finde ich sehr gut", bedankt sich Harwig. Denn nach einem Acht-Stunden-Dienst auf freiwilliger Basis sollten die Deichwachen auch mit Getränken und Essen versorgt werden.

Beim Jahrhunderthochwasser im Jahr 2002 hat der Ort viel dazu gelernt. Außerdem, so schätzt es auch Harwig ein, gehen die Bürger entspannter mit den Wassermassen um. "Wir sind inzwischen sehr gut vorbereitet und wissen, was zu tun ist", sagt er. Dennoch hat sich Friedrich Harwig nach dem Januarhochwasser eine Liste gemacht: Stichpunkte, die er ansprechen möchte.

Darauf steht sicherlich auch das Problem der Hochwassertouristen. "Ich kann ja verstehen, dass das Ziehen des Wehres ein Spektakel ist. Meinetwegen können die Menschen auch zuschauen. Was aber negativ aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass das Dorf mit Autos zugeparkt war. Fahrzeuge standen im Parkverbot, vor Einfahrten und im Kurvenbereich." Friedrich Harwig appellierte an die Touristen, daran zu denken, dass für die Einwohner das normale Leben weitergeht.

Ein weiterer und heftiger Kritikpunkt ist die Abkopplung der drei ostelbischen Dörfer von ihrem "Mutterschiff" Schönebeck. Denn wenn bei Hochwasser das Pretziener Wehr gezogen wird, dann ist nicht nur die Bundesstraße 246 a in Grünewalde überflutet, sondern auch zwischen "Alter Fähre" und Plötzky sowie die Haberlandbrücke. "Da hat man nun vor Jahren eine neue Brücke an der Fähre gebaut und bei Plötzky die Brücke saniert. Aber die Straße dazwischen ist immer noch so tief, dass wir abgeschnitten sind. Wie lange soll das eigentlich noch so sein", fragt Harwig.

Der Bund plant bereits nach der zweiten Elbquerung bei Schönebeck dieses letzte Nadelöhr in Angriff zu nehmen. Wann das sein wird, ist allerdings noch unklar.