"Es stimmt einfach nicht, dass die Gräben nicht ausreichend gepflegt werden. Die sind in sehr gutem Zustand …" Diese Aussage des Flussbereichsleiters beim Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft, Christian Jung, in der Volksstimme vom 27. Januar sorgt für harsche Reaktionen. Viele Flussanlieger haben dazu eine andere Meinung.

Pömmelte/Groß Rosenburg. Als Heinz Warnecke diesen Beitrag in der Zeitung liest, geht er sofort zu seinem Archivschrank. Der 89-jährige Ortschronist findet nach kurzem Suchen ein Foto, das eine idyllische Feldlandschaft der 40er oder 50er Jahre zeigt. Der Fotograf hatte Glinde im Rücken, blickte nach Pömmelte. "Ungefähr da, wo die Thielache ist", lokalisiert Heinz Warnecke den Aufnahmeort, "wurde das Bild gemacht".

Zu sehen ist am Horizont der Johanniskirchturm, im Vordergrund stehen Strohgarben, dazwischen erkennt man einen Graben.

Heute sucht man ihn vergeblich.

Ortswechsel. Christoph Jäger baut im Raum Groß Rosenburg Erdbeeren an, die jetzt zum Teil vom Eis bedeckt sind. Als Mitglied der freiwilligen Feuerwehr erlebte er hautnah die "Wasserschlacht" der vergangenen Wochen. Auch er hat "ein Problem mit der Aussage, die Gräben seien in Ordnung". Zum Beweis zeigt er ein Biotop am "Höfchen", wie der Rosenburger eine Gemarkung in Richtung Trabitz nennt. Hier schlängelt sich ein Graben durch, der das aufkommende Drängwasser in die Große und Kleine See leitet. Das Wasser staut sich augenscheinlich an dieser Stelle.

Hauruck-Aktion, um Stau zu beseitigen

"Auch am Dreieck mussten wir Pumpen einsetzen, um dem Grabenwasser durch zu helfen", sagt Christoph Jäger. Zwischen Ortslage und Damm ist der Graben auf etwa 20 Meter verrohrt.

Ebenso ist es nahe der "Alten Asche" bei Klein Rosenburg. Hier mussten Feuerwehr und Helfer auf einer Länge von etwa 13 Metern Betonröhrensegmente in einer Hauruck-Aktion aus dem Boden nehmen, um den Stau zu beseitigen. Zwar ist der Graben dort in Ordnung, die halb zugesetzte Verrohrung wurde jedoch zur künstlichen Engstelle.

Als letztes Beispiel zeigt Christoph Jäger die Grabenbrücke an der Gemarkungsgrenze von Groß Rosenburg nach Breitenhagen. Hier quert ein künstlicher Wasserlauf die Chaussee. Er kommt vom Krügersee und fließt dem Landgraben zu, der am Breitenhagener Schöpfwerk endet. Unterwegs ist er mehrere hundert Meter verrohrt. "Hier sieht man ganz deutlich, wie hoch die Grabensohle liegt", sagt Jäger, der hier als Waidmann jeden Baum und Strauch kennt. Auch die Brücke hat nicht mehr ihre volle Durchflusskapazität. "Hier wurde schon lange nicht mehr gebaggert", ist sich der Rosenburger sicher.

Rechts und links dieses untauglichen Wasserlaufs beackert Christian Bernstorf Felder der Habuck GmbH mit Wintergetreide und Raps. Um sie zu inspizieren, braucht er keinen Geländewagen, sondern Schlittschuhe. "Von uns stehen 250 Hektar unter Wasser", knirscht er mit den Zähnen. Die Verluste würde man sich ausrechnen können: der Rapsertrag liege bei rund 2000 Euro, der von Weizen bei 1600 Euro pro Hektar.

"Wir zahlen an den Grabenverband 9 Euro pro Hektar. Dafür müssen die aber auch ihren Job machen", grollt Christian Barnstorf. Sein Kollege Christoph Jäger kann ein Teil seines Erdbeerenfeldes am Wedenberg ebenfalls abschreiben. Wie er sagt, koste das Anlegen eines Hektars Erdbeeren-Damm-Kultur 12 500 Euro.

Ein Teil des Weizens hat noch eine Chance

Ein genaues Schadensfazit will der Barbyer Landwirt Jo-achim Blume noch nicht ziehen: "Das hängt davon ab, wie lange Wasser auf den Feldern steht, welche Kultur überlebt und wie warm es wird." Laut Blume würde ein Teil des Weizens noch immer eine Chance haben, der jetzt unter dem Eis steht. Ein großes Problem werde allerdings auf die Frühjahrsbestellung zukommen, weil Maschinen nur sehr eingeschränkt aufs Feld könnten. "Man braucht im Mai nicht mehr versuchen zu bestellen, was nachher nicht mehr reif wird", sagt Blume. Kann man auf den Wintergetreide-Ausfallflächen im Frühjahr Sommergetreide drillen und beides dann zusammen ernten?

"Nein, geht nicht. Man muss das getrennt ernten. Es dürfte jedenfalls ein Jahr des Kunst- und Figurenfahrens werden", so Achim Blume lakonisch.