Eine Suchtberatungsstelle fehlte lange Zeit in Staßfurt. Die Arbeiterwohlfahrt hat nun eine neue Anlaufstelle in der Bodestraße 11 eingerichtet. Die Suchtberater sind so gut wie ausgebucht. Der Bedarf an Hilfe ist in Staßfurt groß.

Staßfurt l Am 1. Juli haben Katja Obendiek und Daniel Hesse als Suchtberater und Therapeuten das Büro in der Bodestraße 11 in Staßfurt bezogen, dazu die Sekretärin Veronika Kaina. Jahrelang fehlte eine unabhängige Suchtberatungsstelle in Staßfurt, die Menschen vor oder nach einer Therapie auffangen und an die notwendigen Stellen vermitteln kann.

Bernd Müsing, Leiter der Suchtberatungsstellen des Kreisverbandes der Arbeiterwohlfahrt (Awo), sagt: "Im Raum Aschersleben-Staßfurt wurde die Suchtberatung teilweise durch das Gesundheitswesen abgedeckt. Ich habe in Schönebeck oft Nachfragen nach einer Beratungsstelle in Staßfurt bekommen beziehungsweise sind Betroffene oft extra nach Schönebeck gekommen, manchmal sogar im Winter mit dem Rad."

In Verwaltung und Gremien des Kreises habe er darauf aufmerksam gemacht. In einer Ausschreibung habe sich die Awo dann gegen einen anderen freien Träger durchgesetzt. Neben Staßfurt wurde eine neue Suchtberatungsstelle mit Selbsthilfegruppe in Aschersleben eröffnet. "Beim Ameos-Klinikum in Staßfurt und Aschersleben sind wir auf offene Ohren gestoßen. Räumlichkeiten und fachliche Unterstützung wurden uns zur Verfügung gestellt und wir haben ein erstes Netzwerk aufgebaut", erklärt Müsing.

Das "Netzwerk" ist im Falle einer Alkohol-, Drogen-, Medikamenten-, Spiel- oder Esssucht für die Heilung wichtig: Eine Suchtberatungsstelle ist oft die erste Anlaufstelle für Menschen mit Suchtproblemen. Von dort aus kann zu Therapeuten, Psychologen, ambulanter oder stationärer Therapie, Entgiftung im Staßfurter, Ascherslebener oder einem anderem Klinikum oder in Reha-Kliniken zur Entwöhnung vermittelt werden. Auch die Wartezeit bis zur Therapie können die Suchtberater überbrücken.

Genauso muss ein Patient nach einer Therapie weiter betreut werden und die neue Lebensweise mit Unterstützung umsetzen. Auch dafür sind die neuen Suchtberater in Staßfurt da. Dies nennt Bernd Müsing eine "geschlossene Therapiekette": Dem Süchtigen wird der erste Schritt zur Therapie erleichtert und er wird nach der Therapie nicht allein gelassen. Weitere wichtige Partner haben die Suchtberater in Staßfurt in Jobcenter, Jugendclubs und Schulen gefunden.

Selbsthilfegruppe für Suchtkranke

"Auch eine Selbsthilfegruppe bieten wir an", sagt Katja Obendiek, die dazu den Termin donnerstags ab 17 Uhr in der Staßfurter Beratungsstelle vorhält. Während einer Entgiftung im Ascherslebener und Staßfurter Krankenhaus machen Katja Obendiek und Daniel Hesse auch den "Konsulardienst": Sie besuchen die Patienten schon während der Therapie im Krankenhaus. Da die Suchtberatungsstelle direkt am Krankenhaus liegt - aber einen separaten Eingang von der Bodestraße aus hat - sind hier kurze Wege möglich.

Mit den Betroffenen bereiten die Berater die Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU), bei dem die Fahreignung neu geprüft werden muss, vor. Neben den Betroffenen selbst werden auch die Angehörigen in der Beratungsstelle unterstützt.

Katja Obendiek, die ihr Zimmer für die Sorgen der Betroffenen öffnet, ist Sozialpädagogin und Systemische Therapeutin. Seit 20 Jahren betreut sie in verschiedenen Einrichtungen Sucht- und psychisch Kranke. Bis vor Kurzem hat sie ein Angebot des Betreuten Wohnens der Awo im Harz geleitet und zuvor aufgebaut. "Ich suche immer eine neue Herausforderung und in Staßfurt und in Aschersleben kann ich die neuen Suchtberatungsstellen aufbauen", sagt sie.

Ihr selbst ist es wichtig, die Betroffenen mit dem Herzen zu empfangen und auf keinen Fall den Moralapostel zu spielen. Sie werde nie verlangen, dass der Süchtige seinen Konsum von einem Tag auf den anderen abstellt. "Das geht ja auch gar nicht", erklärt sie. Stattdessen möchte sie den Betroffenen erklären, welche Wege sie gehen können und langfristig und mit Geduld nach Lösungen suchen.

"Wenn sich derjenige entschlossen hat, etwas für sich zu tun, ist er hier herzlich willkommen", sagt sie. Dass die Betroffenen nicht nüchtern sind, wenn sie zu ihr kommen, ist ihr auch klar. "Mancher Alkoholiker braucht auch einen gewissen Pegel zum Reden. Nur wenn er nicht mehr aufnahmefähig ist, macht es keinen Sinn."

Denn wer sich zum ersten Mal zur Suchtberatung traut, hat einen wichtigen Schritt getan. Bernd Müsing erklärt: "Wer zu uns kommt, hat schon lange versucht, seine Sucht allein in den Griff zu bekommen, ist vielleicht auch schon oft hier unten die Straße entlanggestreift und dann doch wieder umgekehrt."

Wenn das Leben auf die Sucht ausgerichtet ist

Ab wann aber ist man süchtig? Eine Sucht sei vorhanden, wenn das Leben auf das Erlangen des Suchtmittels ausgerichtet wird, erklärt Bernd Müsing. Zum Problem wird die Sucht, wenn "sie zu Beeinträchtigungen des beruflichen oder sozialen Lebens führt", sagt er. Wenn zum Beispiel die Ehefrau beschließt, den trinkenden Ehemann wegen seiner Sucht samt Kinder zu verlassen, die Sucht also das Leben zerstört. Wenn der Alkoholiker dann erkennt, wie sehr die Sucht seinem Leben schadet und dass es so nicht weitergehen kann, sei dies ein sogenanntes Schlüsselerlebnis - oft das Erlebnis, das zur Beratungsstelle führt.

Seit Juli beobachtet Katja Obendiek, dass es in Staßfurt überdurchschnittlich viele Drogenabhängige gebe. Besonders die relativ neue, chemische Droge Crystal sei stark vertreten: "Neun von zehn Drogenabhängigen sind hier abhängig von Crystal."

Bei jeder Sucht sei es ihr Ziel zu schauen, was dahinter steckt. Suchtmittel werden oft genommen, um Defizite auszugleichen, zum Beispiel wenn sich jemand nicht geliebt oder minderwertig fühlt. "Daher versuchen wir, Dinge zu finden, die diese Defizite im Leben des Betroffenen ausgleichen können", sagt Katja Obendick. In ihrer Suchtberatungsstelle ist der Terminkalender zwar voll, aber "Zeit für Notfälle ist immer da".