Große Pläne hat Anette Pekrul für Staßfurt. Die zugezogene "Visionärin", wie sie sich selbst nennt, plant eine neuartige Form des menschlichen Zusammenlebens in der Salzstadt.

Staßfurt l Anette Pekrul hat sich für ihre Ideen ausgerechnet Staßfurt ausgeguckt. Die 54-Jährige ist eine "Frau von "Welt", blickt bereits jetzt auf eine große Karriere zurück (siehe grüner Kasten rechts) und sieht sich selbst als Visionärin, wie sie bei einer Veranstaltung bei der Urania, bei der sie ihre Pläne vorstellte, sagt.

Sie hat ein Konzept entwickelt, welches das Leben mehrerer Generationen in einer Art kleinem, autarkem Dorf, in dem alle Einrichtungen des täglichen Bedarf vorhanden sind, vorsieht. Hierbei geht es nicht nur um das bloße Zusammenwohnen, sondern um das Zusammenleben. Das Konzept nennt sich "balance4yourlife" ("Ausgeglichenheit für Dein Leben").

Anette Pekrul hat dieses Konzept nach wissenschaftlichen Kriterien entworfen und von Wissenschaftlern einer englischen Universität bewerten lassen. Sinn und Zweck des Ganzen ist es, wieder intensiver in Gemeinschaft zu leben. "Großfamilien funktionieren oft nicht mehr", hat Anette Pekrul festgestellt. Die Bewohner des autarken Dorfs sollen eine Art "Seelenfamilie" bilden. Besonders hat sie dabei die Generation 50 Plus im Blick, die heute oft vereinsamt.

Das Modell, dass sich Menschen etwas teilen, um zu sparen beziehungsweise um Mehrwert zu schaffen, ist nicht neu. Car-Sharing, das gemeinschaftliche Nutzen von Autos, und Couchsurfing, wo Menschen anderen ihr Gästezimmer anstatt eines teuren Hotels zur Verfügung stellen, gibt es in Großstädten bereits.

Warum nun Staßfurt? Leo Pekrul, der in Staßfurt als Unternehmer und Immobilenbesitzer bekannt ist, hat Anette Pekrul und ihr neues Konzept im Internet gefunden, wegen der Namensgleichheit. Verwandt sind die beiden nicht. Leo Pekrul fragte seine Namensvetterin, ob sie sich den Start des Pilotprojekts in Staßfurt vorstellen könne.

"Wo ist Staßfurt?"

Die erste Reaktion von Anette Pekrul: "Wo ist Staßfurt?" Ganz ehrlich gibt sie zu, dass sie zuvor nie etwas von der Salzstadt gehört hatte. Später, angekommen in Staßfurt, stellt sie fest: Das ist auch kein Wunder. Ihrer Meinung nach geht das Stadtmarkting gegen Null, "es gibt nicht mal aktuelle Postkarten oder Souvenirs von Staßfurt."

Die beiden Unternehmergeister kamen dennoch zusammen und wählten das Gelände des ehemaligen Instituts für Lehrerbildung an der Liethe samt Heizhaus aus - für das Pilotprojekt zu "balance4yourlife". Das 8500-Quadratmeter-Grundstück gehört Leo Pekrul.

Die Vorplanungen für energetische Sanierung und Umbau sind angelaufen. Dazu kommt der "Pekrul-Hof" in der Grenzstraße 5, wo Werkstätten entstehen sollen - das Dorf soll sich unter anderem durch die Herstellung von Waren finanzieren - und wo bereits jetzt Räume für Treffen und Schulungen genutzt werden.

An der Liethe soll das ehemalige Institut umfunktioniert werden zu einem großen Wohnhaus. Es werden mehrere kleine Wohnungen entstehen, die als Privatbereich der Einzelbewohner, Paare oder Familien dienen. An die Privatbereiche schließt sich ein großer gemeinsamer Wohnraum an, mit Küche, Wohnzimmer, Videothek, Bibliothek und Fitnessbereich. Eine Arztpraxis, Pflegebereich, Restaurant, Geschäfte, Kita, Bildungszentrum, Swimmingpool, gemeinsamer Fuhrpark sowie ein Garten für den Eigenanbau sollen ebenfalls auf dem Gelände entstehen.

Zehn Stunden pro Monat müssen die Bewohner Arbeitsstunden verrichten, vor allem um in die Gemeinschaft integriert zu bleiben. Anette Pekrul rechnet mit 300 bis 500 Euro Miete pro Monat. "Nach sechs bis acht Jahren werden sie kostenfrei wohnen können, dann fließt sogar Geld zurück", sagt sie über die Refinanzierung des Dorfes. Das Startkapital werden Investoren beisteuern. Anette Pekrul hat etliche interessierte Unternehmer an der Hand, sagt sie.

Bereits erste Nachfrage

40 potenzielle Bewohner interessieren sich derzeit für das neue Lebenskonzept. Dies sind Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern, die auf das Projekt über das Internet gestoßen sind. Auch eine Staßfurter Familie, die sich wünscht, wieder in vier Generationen zusammenzuwohnen, hat sich angemeldet.

Dazu kommt noch das Bürgernetzwerk "Staßfurt initiativ". Die Eintragung des entsprechenden Vereins wurde beantragt. Das Bürgernetzwerk soll in Staßfurt vor allem ehrenamtliche Freizeit- und Hilfsangebote für alle Bürger schaffen. "Staßfurt initiativ" verzeichnet derzeit Christian Großmann, der ebenso die Foto- und Kameraarbeiten für die Webseiten des Projekts übernimmt, sowie seine Frau Antje als feste Mitglieder. Einige Bürger hatten sich angeschlossen, unter anderem als es darum ging, Wintersachen für Flüchtlinge - für die Anette Pekrul übrigens ehrenamtlich Deutschunterricht gibt - zu organisieren. Die Visionärin sagt: "Ich habe mich für Staßfurt entschieden, weil es hier ganz besonders wichtig ist, damit es hier wieder vorangeht."

Internet: www.balance4yourlife.org, www.balance4yourlifestassfurt.weebly.com. Facebook: "Staßfurt initiativ"