Die Schülerinnen und Schüler des Staßfurter Dr.-Frank-Gymnasiums beteiligen sich an der mittlerweile europaweiten Aktion "Stolpersteine" des Kölner Bildhauers Gunter Demnig, mit der an Opfer der NS-Zeit erinnert wird. Dabei wollen die Schüler zunächst die Menschen vor dem Vergessen bewahren, die als Juden oder Halbjuden von den Nazis entrechtet, verfolgt, in den Tod getrieben oder ermordet wurden. Jetzt berichtete ein Zeitzeuge, wie einem Mitschüler aus Staßfurt in jenen Tagen das Leben gerettet wurde.

Staßfurt. Zwei Gymnasiasten hatten dazu vor kurzem ein erstes Konzept der Initiativgruppe "Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage" und der Arbeitsgemeinschaft Geschichte im Staßfurter Stadtrat vorgestellt (Volksstimme berichtete). Im Ergebnis dieser Aktion sollen auch in Staßfurt Gedenktafeln aus Messing ins Pflaster eingelassen werden, die jeweils am letzten selbst gewählten Wohnort der ehemaligen Mitbürger erinnert.

Der heute über 90 Jahre alte Fritz Hohmann aus Löderburg berichtete als Zeitzeuge vor Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft Geschichte und der Initiativgruppe des Staßfurter Gymnasiums von einer mutigen Tat zur Rettung eines jüdischen Mitschülers um das Jahr 1935. "Ich war damals Schüler des Staßfurter Gymnasiums, welches auch der ein Jahr ältere Siegfried ¿Siggi’ Crohn, Sohn der Inhaber eines Bekleidungsgeschäftes in der Steinstraße Max und Elsbeth Crohn, besuchte", blickte er zurück. Von "Kalli" Schohaus, einem Klassenkameraden, dessen Eltern ein Juweliergeschäft ebenfalls in der Steinstraße besaßen und mit Crohn verkehrten, habe man erfahren, dass für Siggi die Chance bestehe, aus Deutschland ausreisen zu können. "Dabei ging es, wie sich später zeigte, ums nackte Überleben."

Die Frage sei jedoch erstmal gewesen, wohin so kurzfristig? erinnert sich Fritz Hohmann. Der hatte Verwandte in der Schweiz, eine in Löderburg geborene Tante und deren Familie. In die Schweiz schrieb er: "Vielleicht kommt ein Schulfreund von mir. Nehmt ihn bitte einige Zeit auf, er zieht dann weiter." Tatsächlich ist Siggi Crohn dort angekommen und später nach Italien weiter gezogen, wo sich allerdings seine Spur vorläufig verlor.

"Kalli Schohaus, meine Verwandten in der Schweiz und ich haben dem Siggi das Leben gerettet"

Fritz Hohmann, der 1935 aus der Hitlerjugend ausgetreten und dem Deutschen Aero-Club beigetreten war, wurde als Kampfflieger Anfang Mai 1941 in der Nähe von Tobruk (heute Libyen) abgeschossen und überlebte schwer verletzt. Nach Kriegsende kehrte er aus britischer Kriegsgefangenschaft nach Löderburg zurück.

Anfang der 50er Jahre kam in einer Skatrunde, an der auch Hohmanns Freund, der Schneidermeister Martin Thiele, teilnahm, das Gespräch auf Nordafrika, wo dieser 1943 in Tunesien in US-amerikanische Gefangenschaft geraten war. "Ich wurde dort von einem Sergeant der US-Armee verhört", berichtete Thiele. "Woher kommen Sie?", fragte dieser in fließendem Deutsch. "Aus Magdeburg", lautete die Antwort. "Direkt aus Magdeburg?", wollte der Fragende wissen. Als der Gefangene dann Staßfurt nannte wurde, war die Überraschung groß, denn der Sergeant war kein anderer als "Siggi" Crohn, Sohn der Staßfurter Geschäftsleute Max und Elsbeth Crohn. "Man kann also schon sagen, Kalli Schohaus, meine Verwandten in der Schweiz und ich haben dem Siggi das Leben gerettet", rundete Hohmann seine Schilderung ab.

Von Max und Elsbeth Crohn sowie deren Tochter Wilfriede ist bekannt, dass sie 1942 beziehungsweise 1943 in ein Vernichtungslager deportiert und ermordet worden sind. Von Edith, dem dritten Kind der Crohns, heißt es, sie sei nach New York ausgewandert. Über Siggis Verbleib in den Staaten ist wenig bekannt. Die Staßfurter Gymnasiasten haben es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, das weitere Schicksal der Crohn-Kinder zu erforschen. Darüber hinaus sind sie sehr interessiert, mit weiteren Zeitzeugen aus Leopoldshall und Staßfurt ins Gespräch zu kommen. Kontakte werden über das Sekretariat des Dr.-Frank-Gymnasiums, (Tel. 039 25/62 20 85), erbeten.