Der Allgemeine Behindertenverband in Sachsen-Anhalt ( ABiSA ) setzt sich seit 20 Jahren für Menschen mit Handicap ein. Heute hat der Verband seinen Hauptsitz in Schönebeck, gegründet wurde er im Herbst 1989 in Magdeburg. Gründungsmitglied und heutiger ABiSA-Vorsitzender, Jürgen Hildebrand, erinnert sich für die Volksstimme an die ersten politischen Schritte des Verbandes.

Schönebeck. Auf eine aufregende Zeit blickt Jürgen Hildebrand zurück, wenn er an die Gründung des Allgemeinen Behindertenverbandes in Sachsen-Anhalt ( ABiSA ) denkt. Genau vor 20 Jahren hatte sich der Magdeburger mit Gleichgesinnten zusammengetan, um sich für ein gemeinsames Ziel einzusetzen. " Wir wollten demokratische Strukturen bilden und den Menschen mehr Mitgestaltungsrecht geben ", sagt der heute 63-Jährige. Es soll eine aufregende Zeit damals gewesen sein, der Herbst 1989 – für Hildebrand, der eine schwer geistigbehinderte Tochter hat, war es damals an der Zeit, etwas zu verändern.

" Es gab den Versehrtensportverband sowie Verbände und Einrichtungen für Blinde und Gehörlose ", erinnert sich Hildebrand. " Uns wurde damals entgegen gehalten, dass es damit ausreichend Möglichkeiten für Behinderte gebe. " Doch Hildebrand wusste durch die Erfahrungen mit seiner Tochter, " dass diese drei Bereiche nicht alle Behinderungsarten abdeckten ". So wurden zu DDR-Zeiten Geistigbehinderte wie seine Tochter ausgeschult. Statt spezieller Einrichtungen wie es sie heute gibt, gab es vor der Wende nur die Möglichkeit, das eigene behinderte Kind zuhause zu betreuen oder in einer kirchlichen Einrichtung oder einem Altenpflegeheim unterzubringen. Von diesen eklatanten Missständen abgesehen, war an Barrierefreiheit damals grundsätzlich nicht zu denken. " Wir haben nach dem Mauerfall in Westdeutschland zum ersten Mal an den Autobahnen behindertengerechte Toiletten gesehen ", nennt Hildebrand ein Beispiel, dass er in seiner Heimat vermisst hat.

Also tat er sich im Herbst 1989 mit anderen, die selbst betroffen waren oder Verwandte mit Behinderung hatten, zusammen. " Anfangs trafen wir uns in der Wohnung eines unserer Mitglieder ", erinnert sich Hildebrand. " Wir wollten für alle Menschen mit Behinderung eine eigene Interessenvertretung ", formuliert er das Ziel, das er bis heute verfolgt.

Als sich immer mehr Frauen und Männer an der noch losen Verbindung beteiligen wollten, " wurde es in der Wohnung einfach zu eng ". Während sich die Engagierten auch am Rande der Montagsdemonstrationen trafen, fanden sie kurz darauf in der Schule für Körperbehinderte im Fermersleber Weg eine Unterkunft. Da waren es schon circa 30 Ehrenamtliche. " Überall war Aufbruchstimmung ", versucht Hildebrand die Zeit zu beschreiben. Dass er sich heute nicht mehr genau erinnern kann, begründet er pragmatisch : " Wir waren so enthusiastisch, etwas zu verändern. " Aus diesem Grund habe man sich damals auch keine Gedanken um eine mögliche Stasibeobachtung gemacht. Viel zu groß sei die Aufregung, etwas bewegen zu können, gewesen. Nicht nur in Magdeburg wollten die Menschen für Behinderte eintreten. " Überall in den Kommunen und Städten haben sich Gruppierungen getroffen ", sagt Hildebrand. Am meisten Aufmerksamkeit erhielten die Rollstuhlfahrer. " Deren Handicap war am offensichtlichsten. "

Im April 1990 war es schließlich so weit. Der Verband der Behinderten im Bezirk Magdeburg wird unter der laufenden Nummer 2 des Vereinsregisters registriert. " Ich habe zwar nie herausgefunden, welcher Verein der erste registrierte war, aber ich bin in jedem Fall stolz auf unsere Nummer zwei ", verrät Hildebrand. Schnell vergrößerte sich der Verband. Im selben Jahr zählte der Verein 1 700 Mitglieder, die sich in 17 Kreisverbänden engagierten.

Als ersten Erfolg verbucht der Sport- und Geschichtslehrer seinen Einzug in die Magdeburger Stadtverordnetenversammlung 1990. Mit dem Kulturbund, dem Demokratischen Frauenbund, der Volkssolidarität und der Bauernpartei " haben wir die Regenbogenfraktion gebildet ", berichtet der 63-Jährige, der gleichzeitig Sprecher der " bunten Mischung " wurde. Als solcher versuchte er die 150 Stadtverordneten auf die Belange der

Menschen mit Behinderung aufmerksam zu machen und stieß auf offene Ohren. " Die Bereitschaft, uns wahrzunehmen, war da ", schätzt er rückblickend ein. " Ein bisschen haben wir vom Mitleid-Bonus profitiert ", gibt Hildebrand zu. " Trotzdem ist die Behindertenpolitik über Parteigrenzen hinweg bis heute unsere Stärke. "

Auch wenn der Familienvater den barrierefreien Zugang zu Toiletten, zu Geschäften oder Kinos heute als " Kleinigkeit " bezeichnet, so waren das die anfangs gesetzten Ziele, " für das wir in die Parlamente mussten ". Gleichzeitig sei das der Moment gewesen, als sich die Arbeit des Verbandes zum Selbstläufer entwickelt habe. " In dem Augenblick, als wir präsent wurden, begann bei nichtbehinderten Menschen im Alltag und in der Politik eine Art Sensibilisierung. "

Mit der Auflösung des Bezirkes Magdeburg und der Eingliederung in das neue Bundesland Sachsen-Anhalt entschied sich der Verein, seinen Namen zu ändern. So entstand aus dem Verband der Behinderten im Bezirk Magdeburg schließlich der Allgemeine Behindertenverband in Sachsen-Anhalt ( ABiSA ). Und warum hat der ABiSA eigentlich den Titel Verband statt Verein ? " Wir fanden den Begriff Verband tragfähiger ", gibt Hildebrand zu. Tragfähiger für ein Dach, unter dem sich psychisch Kranke genauso wie Körperbehinderte oder Schlaganfallpatienten politisch engagieren können.

Nachdem der in Magdeburg gegründete Verein sogar im Gebäude der ehemaligen SED-Bezirksleitung Räume gemietet hatte, erwies sich der heutige Sitz in der Schönebecker Moskauer Straße als am besten, da " der Bau attraktiv und barrierefrei ist ", sagt Hildebrand. Die Anfangszeit in Magdeburg beschreibt er als turbulent, interessant und aufregend.

Der ABiSA habe sich zu einer festen Institution etabliert, die " in den richtigen Zeiten die richtigen Entscheidungen getroffen hat ". Selbstbestimmt und in Würde leben, so lauten noch heute die Schlagworte, für die der ABiSA eintritt. " Ich kann nicht sagen, dass die Fürsorge in der DDR schlecht war ", versucht Hildebrand seinen Einsatz zu begründen, " aber Menschen mit Behinderung wurden im politischen Bereich zu wenig gehört. "

Hildebrands Tochter Rita ist heute 30 Jahre alt. Sie lebt mit ihrer geistigen Behinderung und einer körperlichen Beeinträchtigung fast eigenständig in ihrer eigenen Wohnung, finanziert über persönliches Budget und Grundsicherung. " Sie ist ein lebenslustiger Mensch ", beschreibt sie der 63-Jährige. Auch wenn er sein Engagement vor 20 Jahren erst durch sie entwickelte, so kämpft er nicht nur für sie. " Wir können nur Vorreiter sein, um für andere Türen zu öffnen ", nennt er seine selbstgesteckte Aufgabe. Im ABiSA organisieren sich heute rund 1 000 Mitglieder in 19 Kreisund Ortsverbänden sowie Selbsthilfegruppen. Zu seinen Meilensteinen zählt der Verband die Berufung eines hauptamtlichen Landesbehindertenbeauftragten 1992 für das Land Sachsen-Anhalt. Als ein wichtiges Ergebnis der vom ABiSA organisierten 1. Landesbaukonferenz 1994 werden der Runde Tisch und der Landesbehindertenbeirat ins Leben gerufen. Auf Initiative des ABiSA erhält Sachsen-Anhalt als zweites Bundesland in Deutschland im November 2001 ein Landesbehindertengleichstellungsgesetz. Im Oktober dieses Jahres wurden mit dem 4. Behindertenpolitischen Forum konkrete Forderungen zur barrierefreien Gestaltung von Wohnen, Verkehr, Gesundheit, Bildung und Tourismus in Sachsen-Anhalt an die Politik gerichtet.