Schönebeck. Musik liegt in der Luft. Für Joseph Haydn ist es so gewesen. Als sich der 70-Jährige eingestehen musste, dass ihm sein Körper den Dienst zum Komponieren verweigerte, waren in seinem Kopf noch jede Menge musikalische Ideen. Sie lagen für ihn in der Luft, ohne dass er sie noch auf Papier bringen konnte.

Joseph Haydn starb vor 200 Jahren in Wien. Aus diesem Anlass spielt die Mitteldeutsche Kammerphilharmonie Gedenkkonzerte mit Werken des großen Komponisten. Die erklingen am 29. Mai, ab 19. 30 Uhr auf Schloss Hohenerxleben und am 5. Juni, ebenfalls ab 19. 30 Uhr im Rahmen der Anrechtsreihe " Klassik " im Dr.-Tolberg-Saal in Bad Salzelmen.

Die Volksstimme sprach im Vorfeld der Konzerte mit dem musikalischen Leiter der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie, Christian Simonis, über die Bedeutung des Menschen und des Komponisten Joseph Haydn.

Volksstimme : Warum sollten heute lebende Zeitgenossen, vielleicht sogar junge Leute, sich dieser Musik zuwenden ? Warum ausgerechnet Haydn ?

Simonis : Haydn ist eigentlich der Gegenentwurf zu unserer Zeit. Er hat – um diese These zu verdeutlichen – in seinem Londoner Tagebuch folgendes Zitat vermerkt : " Wer das Leben genau betrachtet, kann nicht recht traurig und nicht recht fröhlich sein. " Darin liegt, meiner Ansicht nach, die Wachheit dieses Mannes. Er ist nicht plakativ. Seine Musik vermittelt eine geistreiche Wachheit, eine emotionale Lebendigkeit, sie geht durch das Ohr ins Gemüt und dann in den Geist.

Volksstimme : Haydn wird wie Mozart unter dem Begriff Wiener Klassik eingeordnet. Haben sich die beiden Herren gekannt ?

Simonis : Sie kannten sich gut. Es gibt viele liebenswerte menschliche wie kompositorische Momente, die die gegenseitige Wertschätzung zum Ausdruck bringen. Mozart hat eine Reihe seiner Streichquartette Haydn gewidmet. Umgekehrt hat Haydn einen an ihn gerichteten Opern-Auftrag an Mozart weiter gereicht. So ist dann Don Giovanni entstanden.

Volksstimme : Besonders große Erfolge hat Joseph Haydn während seiner beiden Aufenthalte in London feiern können. War das Verständnis für die Musik des in Wien lebenden Komponisten bei den Engländern ausgeprägter ?

Simonis : Das kann man so nicht sagen. Sicherlich können wir festhalten, dass die Engländer Haydn das gesamte 19. Jahrhundert lang die Treue hielten, während er in Deutschland und Österreich zweitweise fast vergessen war. Allerdings ist die Vielfalt an Kompositionen und Komponisten auf dem europäischen Festland auch viel größer gewesen als auf der britischen Insel. Die hatten dort keinen Mendelssohn Bartholdy oder Robert Schumann.

Volksstimme : Auch der Hallenser Komponist Georg Friedrich Händel lebte lange Zeit in London. War Haydn von Händel beeinflusst ?

Simonis : Oh ja. Er hat tatsächlich erst in London Werke von Händel gehört und soll die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen haben, weil er diese Musik so unglaublich schön fand.

Volksstimme : Welche Bedeutung hat Haydn in der großen Welt der klassischen Musik ?

Simonis : Darüber könnte ich jetzt lange reden. Kurz gefasst : Haydn gilt als Vater der Streichquartette und der klassischen Sinfonie. Beethovens Missa solemnis etwa ist ohne die von Haydn geschriebenen sechs Messen nicht vorstellbar. Er hat Neues geschaffen, ohne Altes niederzureißen. Darin liegt sein besonderes Talent. Zu seinen Werken zählen 12 Opern, über 100 Sinfonien, 83 Streichquartette, 14 Messen und 52 Klaviersonaten. Mich fasziniert an ihm rein menschlich dieses Wachsen, dieses Gehen auf seinem Lebensweg bis hin zu einem gemütlichen, älteren Herren.

Volksstimme : Was war ihre erste persönliche Begegnung mit Joseph Haydn ?

Simonis : Ich muss acht Jahre alt gewesen sein, als ich das erste Mal in Wien ein philharmonisches Konzert mit seinen Werken gehört habe. Mit zehn Jahren habe ich die erste Haydn-Messe gesungen. Ich war 16, als ich die erste Haydn-Sinfonie dirigierte. Es war seine 6. Sinfonie. Außerdem war ich vierzehn Jahre lang Präsident der Joseph-Haydn-Gesellschaft in Wien.