Nicht jeder, der Killerspiele am Computer spielt, wird zum Amokläufer. Aber : Die meisten Amokläufer haben vor der Tat mit Vorliebe Ego-Shooter & Co in Gang gesetzt. " Die Welt braucht keine Computerspiele voller Gewalt ", bezog Innenminister Holger Hövelmann ( SPD ) klar Stellung. Bei einem Podiumsgespräch der Bürgerstiftung Schönebeck am Mittwochabend kam auch Prof spieler Sascha Lehmann zu Wort, der die strategische und kommunikative Komponente betonte.

Schönebeck. Die Computermaus als Waffe, durch deren Betätigung man in der virtuellen Welt von " Counter-Strike " oder World of Warcraft " massenweise Menschen abknallt : Am Mittwochabend lässt der Schönebecker IT-Spezialist Sebastian Kuhnert das Publikum im Innovations- und Gründerzentrum Inno Life teilhaben an der Perspektive der Spieler. Er führt drei Killerspiele vor. Die Szenerie ist unterschiedlich : Brennende Häuser und Schützengräben im Zweiten Weltkrieg, afrikanische Savanne oder mitten in einer internationalen Großstadt. Doch egal welche Kulisse der Bildschirm simuliert, ob man selbst gerade als Soldat oder als Terrorist agiert – Punkte gibt es überall für dasselbe : den Gegner ins Fadenkreuz der eigenen Waffe nehmen und – abdrücken. Je mehr, desto besser schneidet man ab.

Ego-Shooter heißen solche Spiele, die aus der Ich-Perspektive gespielt werden. " Ego " bedeutet : Ich. " Shooter " ist das englische Wort für " Schütze ". Eine sachliche Einführung ins Thema steht am Beginn der Veranstaltung der Bürgerstiftung Salzland im Inno Life : " Gewalt in Computerspielen, Gefahren und Missverständnisse. " Nicht erst seit Winnenden wird heftig diskutiert, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen Gewalt am Bildschirm und dem brutalen Ausrasten in der Realität.

Sebastian Kuhnert ärgert sich : " Medien und Politik konstruieren oft einen Kurzschluss und fordern Verbote. " Für ihn liegt das Problem woanders : " Oft wissen die Eltern nicht, was ihre Kinder spielen, kennen sich nicht einmal mit den gültigen Zertifizierungen auf der Packung aus. " Es sei kein Problem der Computerspiele, wenn junge Leute gefrustet aus der Schule kämen und sich vor den Bildschirm verzögen. " Wenn dann ein Zwölfjähriger fünf Stunden Counter-Strike spielt, ist das natürlich nicht gut. " Sein Appell : Eltern und Lehrer dürfen die Jugend nicht allein lassen. Sascha Lehmann ( 21 ) ist Profspieler in der Bundesliga für das umstrittene Computerspiel Counter-Strike. Zwei Teams mit jeweils fünf Mitspielern treten in der virtuellen Welt gegeneinander an. Ziel des Spiels : Die Gruppe der Terroristen muss eine Bombe legen, die Polizisten sollen es verhindern. " Für mich geht es dabei nicht darum, sinnlos rumzuballern ", sagt Lehmann. " Es geht um Strategie. " Außerdem habe er seine Freunde und seine Freundin über das gemeinsame Spielen im Netz kennengelernt. Taugen also Killerspiele, um mit anderen zu kommunizieren oder Gemeinschaftserlebnisse zu haben ? Lehmann und Kuhnert meinen : ja. Im Publikum wird das kontrovers diskutiert. Lehmann ärgert sich : " Immer muss Counter-Strike herhalten, wenn es um Killerspiele geht, dabei gibt es viel schlimmere Sachen. "

" Natürlich reagierten Menschen ", erklärt Dr. Steffen Uhlig, das sei wie bei Bildern generell. Dennoch : " Es besteht kein Zweifel daran, dass solche Spiele gefährlich sein können, wenn der Boden bereits bereitet ist. Immerhin haben fast alle Amokläufer vor der Tat Ego-Shooter und ähnliches gespielt. " Wenn Kinder und Jugendliche mit Problemen durch den Spannungsabbau am Bildschirm Erleichterung erlebten, dann sei die Frage : " Was kommt nach dem Spiel ?"

" Die Welt braucht keine gewalthaltigen Computerspiele solcher Art ", positioniert sich Innenminister Holger Hövelmann eindeutig. Natürlich sei nie nur eine Ebene ausschlaggebend, wenn ein Mensch zum Gewalttäter werde. Er sei aber der Meinung, man könne nicht Eltern und Lehrern die Problemlösung in die Schuhe schieben. " Welche Weltanschauung und welche Werte vermitteln wir, wenn es Punkte dafür gibt, dass man andere abknallt, wenn man dafür auf der virtuellen Karriereleiter aufsteigt ?"

Hövelmann äußerte Zweifel an der Kontrolle der Spiele durch die Computerindustrie : " Diejenigen, die möglichst viel Kohle damit machen wollen, sollen den Zugang zu den Spielen erschweren ?", fragte er.

Ein Verbot sei keine Lösung, meinten dazu Sebastian Kuhnert und Sascha Lehmann. " Schließlich kann man sich das Zeug über internationale Server herunterladen ", so Kuhnert. " Nur weil etwas verboten ist, ist es nicht gleich aus der Realität verschwunden. " Sascha Lehmann bekannte nach der Diskussion sogar : " Ein Verbot macht ein Spiel sogar noch attraktiver. "

" Abartig " seien für ihn solche Spiele, erklärte Hans Bode vom Publikum aus. Er sprach allerdings auch deutliche Worte in Richtung Politik : Es werde an den falschen Dingen gespart, an Prävention, an Schulsozialarbeit – " und die Banken und Manager bekommen noch Millionen. " Man brauche Lehrer, Eltern und Sozialarbeiter, die sich für das Thema Computerspiele sensibilisierten, forderte René Wölfer, Fraktionschef der SPD im Schönebecker Stadtrat. Dass Computerspiele doch mentale Spuren hinterlassen, darauf wies Jugendamtsleiter Axel Tönnies hin. Vor allem jüngere Menschen im Publikum votierten allerdings für die positiven Seiten von Com- Das Zusammenputerspielen. spiel in Teams fördere durchaus soziale Kompetenzen. Einen Einschnitt in die persönliche Freiheit bei einem Verbot sieht Sebastian Kuhnert. Dagegen wandte sich der Innenminister noch einmal energisch : " Ich habe etwas dagegen, mit dem Freiheitsargument jedwede Vernunft zu erschlagen. " Erschwerter Zugang zu Killerspielen sei ebenso vernünftig wie Beschränkungen im Bereich Kinderpornografe oder zu Seiten mit rechtsradikalen Inhalten. Enttäuscht äußerte sich Veranstalterin Britta Duschek von der Bürgerstiftung, dass von den angeschriebenen Schulen niemand gekommen sei. Das liege am Abitur und die Einladung sei zu kurzfristig gekommen, sagten auf Nachfrage dazu die Schulleiter der Schönebecker und Calbenser Gymnasien. " Wenn die Schulen nicht zu uns kommen ", griff Duschek einen Vorschlag von Petra Grimm-Benne ( SPD ) auf, " dann gehen wir eben hin. "

Die Bürgerstiftung plant Veranstaltungen wie die vom Mittwoch zu wiederholen und Info-Stunden für Lehrer, Eltern, Schüler anzubieten. Gute Idee, fand das Publikum. Denn : " Die Computerindustrie entwickelt schon die nächste Generation von Killerspielen, wo noch mehr Blut spritzt. " Die Diskussion moderierte Andrea Zander vom Diakonieverein Burghof.