Zu den Artikeln "Der Worte sind genug gewechselt" und "Um 7000 Einwohner reicher", Volksstimme vom Freitag, 7. Januar:

Die Masterarbeit der Stendalerin Stefanie Michaelis beweist, dass sich Menschen aus der Altmark Gedanken um ihre Heimat und die Zukunft ihrer Heimat machen. Es ist mutig und notwendig, die Fragen nach der Zukunft der Altmark zu stellen. Stefanie Michaelis entwirft Zukunftsszenarien, diagnostiziert die aktuellen demografischen und strukturellen Probleme. Hoffentlich wird diese Masterarbeit die Diskussion weiter am Leben erhalten, wie es mit der Altmark denn nun weitergehen mag.

Die Volksstimme gab dem Artikel die Überschrift: "Der Worte sind genug gewechselt". Und genau darum geht es auch: Es kann nicht länger sein, dass die verantwortlichen altmärkischen Politiker – Landräte, Bürgermeister und Stadträte – die gravierenden demografischen Probleme der Altmark nicht in der Form diskutieren, wie es die Ernsthaftigkeit dieser Probleme erfordert! Natürlich ist Tages-, Wochen- und Jahrespolitik wichtig. Aber was soll diese Politik, wenn langfristig die Altmark vergreist und zu einem Land ohne Menschen, zu einer verlorenen Region degeneriert?

Es macht mich persönlich betroffen, wenn ich sehe, wie die Mehrzahl meiner ehemaligen Klassen- und Schulkameraden die Altmark nach ihrem Abitur verließen. Viele machten weit weg eine Ausbildung oder studieren. Sie kehren wahrscheinlich nie wieder zurück, weil es hier zu wenig Arbeitsplätze und Perspektiven für junge Menschen gibt. Andererseits kenne ich zahlreiche junge Menschen, die trotz aller Probleme weiter in der Altmark wohnen möchten und Tag für Tag weit pendeln – nach Wolfsburg, Magdeburg oder Berlin.

Das ist die andere Seite der strukturschwachen Altmark: Ihre lebenswerte Umwelt, die weiten Landschaften. In wenigen Regionen in Deutschland kann man wie in der Altmark stundenlang spazieren gehen und wandern, ohne andere Menschen zu treffen. Wer die Ruhe sucht, ist in der uralten Kulturlandschaft Altmark gut aufgehoben. Und es gibt Menschen, die von weit her in die Altmark ziehen, weil sie hier Ruhe und Abgeschiedenheit finden. Sie schätzen die Elbauen, die Radwege, die historischen Stadtkerne, die geringe Besiedlungsdichte. Auch wer mit Touristen spricht, kann sich das immer wieder bestätigen lassen.

Schon heute sind junge Menschen – Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene – in der Altmark eine bedrohte Spezies. An manchen Tagen wirkt die Altmark wie ein großes Altenheim. Ich habe großen Respekt vor alten Menschen, ihren Leistungen; und es ist schön, wenn sie sich in der Altmark wohlfühlen und ihren Lebensabend hier gerne verbringen. Es soll keinen Generationenkonflikt geben. Dennoch ist es für viele junge Menschen ein befremdliches Gefühl, wenn bald die Bevölkerungsmehrheit aus Rentnern bestehen wird.

Die Stadt Stendal zählt nun dank Eingemeindungen rund 42 000 Einwohner. "Um 7000 Einwohner reicher" betitelt die Volksstimme diesen Zuwachs. Und das Wort "reicher" trifft es sehr gut: Ein echtes Wachstum an Menschen würde unsere Region wirklich reicher und wertvoller machen. Neue Menschen sorgen für neue Impulse. Junge Menschen bedeuten auch junge, innovative Ideen (wie man etwa an Michaelis‘ Master-Arbeit sehen kann). An der Hochschule in Stendal kann ich das jeden Tag in meiner Rolle als Student beobachten.

Nun, vergreist die Altmark? Stirbt sie gar aus? Wird sie ein leeres Land? Wie gehen wir mit diesen Herausforderungen um? Bevor auf diese Fragen Antworten gefunden werden, ist es überhaupt erst einmal notwendig, diese Fragen zu stellen. Wieder und immer wieder. Und das geht zuallererst an die Adresse der hiesigen altmärkischen Politiker. Sie sind die Verantwortlichen. Sie wurden vom Volk gewählt. Und es liegt im Interesse des Volkes, dass die Zukunft der Altmark gesichert wird.

Michael Siegmund,

Student der Angewandten Kindheitswissenschaften,

Tangermünde