Stendal l Die 44-jährige Sparkassen-Chefin hat nach Volksstimme-Informationen in der vorigen Woche einen Vertrag als Vorstandsvorsitzende eines Kreditinstituts in den alten Bundesländern unterzeichnet. Im Herbst soll sie dort auf den in den Ruhestand wechselnden Leiter folgen.

Für die Kreissparkasse ist der abrupte Wechsel ein tiefer Einschnitt: Da ist nicht nur die Aufarbeitung der millionenschweren Betrugsvorwürfe gegen den langjährigen Vorstandschef Dieter Burmeister. Es geht auch um die Ausrichtung und Sicherung des Hauses für die Herausforderungen der Zukunft.

Aus Fachkreisen heißt es, dass Jöntgens konsequenter Kurs einer Neustrukturierung gleichermaßen alternativlos wie erfolgreich sei. Im ersten Jahr unter ihrer Führung konnte die Kreissparkasse wieder einen Bilanzgewinn von deutlich über einer Million Euro ausweisen - ein Drittel mehr als im letzten Jahr ihres Vorgängers. Dies ist nur ein Indiz für eine Tatsache, die von den Verantwortlichen im Landkreis indes nicht offen thematisiert wird: In den letzten Jahren unter Burmeisters Verantwortung hat es offenbar "etliche Versäumnisse" gegeben, heißt es.

Größte Widersacher im Verwaltungsrat

Seine Nachfolgerin hatte im vorigen Jahr personell und strukturell durchgegriffen. Das trieb die Belegschaft zunächst fast auf die Barrikaden. Diese Misstöne sollen aber inzwischen nahezu komplett verklungen sein. Auch bei der Aufarbeitung der Vorwürfe bei Scheinrechnungen für Sparkassen-Bauprojekte und einen überdimensionierten Fuhrpark ging Jöntgen konsequent vor. In der Kreispolitik wurde ihr dafür über Fraktionsgrenzen hinweg Anerkennung gezollt.

Doch anscheinend war das einigen zuviel. Jöntgens größte Widersacher sitzen im Verwaltungsrat bei den Vertretern der Belegschaft und den langjährigen Mitgliedern, die von der Kreispolitik bestellt worden sind. Der Verwaltungsrat hätte jedoch zu entscheiden gehabt, ob der Ende Juni 2016 auslaufende Sechs-Jahres-Vertrag mit ihr verlängert wird.

In Sparkassen-Kreisen gilt es als üblich, dass Vorstandsmitglieder spätestens zwei Jahre vor dem Auslaufen ein verbindliches Signal erhalten, ob der Kontrakt verlängert wird - damit ansonsten ausreichend Gelegenheit bleibt, sich für eine neue Position ins Gespräch zu bringen. Wie es scheint, hat Landrat Carsten Wulfänger (CDU) als Verwaltungsratsvorsitzender ein solches Signal nicht geben wollen. Nachdem Anfang März Jöntgens Rückzug im Auswahlverfahren für die Position der Vorstandsvorsitzenden der Sparkase Oder-Spree in Frankfurt/Oder bekannt wurde, hielt sich der Landrat gegenüber der Volksstimme bedeckt. Jetzt sei "noch nicht der Zeitpunkt dafür", sagte er.

Jöntgen wollte Aufklärung fortsetzen

"Ich beabsichtige, gemeinsam mit dem Verwaltungsrat den Konsolidierungskurs und die Aufklärungsarbeit der letzten Monate im Interesse der Sparkasse, ihrer Kunden und Mitarbeiter fortzusetzen", hatte damals Jöntgen auf Nachfrage erklärt. Das war vorsichtig formuliert - denn offenbar spürte sie zu wenig Rückendeckung für ihre Absicht.

Dass das Tischtuch zwischen Wulfänger und Jöntgen zerschnitten ist, pfeifen in Stendal seit Wochen einschlägige Kreise buchstäblich von den Dächern. Bei den Begegnungen der beiden wurde dies zuletzt beim genaueren Hinsehen auch offensichtlich. Der Landrat selbst zeigte sich über diese Einschätzung "verwundert", wie er der Volksstimme kürzlich sagte. Jöntgen kommentierte dies nicht, sondern zog ihre Konsequenzen.

Offiziell drang noch nichts nach außen. Kerstin Jöntgen teilte am Sonntag lediglich mit: "Ich werde am Montag zuerst meine Mitarbeiter informieren. Bitte haben Sie Verständnis, dass ich mich zuvor nicht gegenüber der Öffentlichkeit äußern möchte." Auch Landrat Carsten Wulfänger wollte am Abend keine Stellungnahme abgeben. Er kündigte aber an, dass es heute eine Pressemitteilung geben soll.