Ein Ergebnis bei der Stendaler Stadtratswahl könnte jetzt noch ein Nachspiel haben: CDU-Stadtrat Holger Gebhardt erreichte ein ungewohnt hohes Ergebnis bei der Briefwahl. Er betont, alles sei korrekt gelaufen.

Stendal l Lange Zeit fehlte am Wahlabend vor einer Woche bei den Zwischenständen der Name von Holger Gebhardt auf den sicheren Plätzen der CDU-Fraktion. Als zu später Stunde die ersten Briefwahl-Ergebnisse einflossen, schoss der Christdemokrat wie ein Komet in die Spitzengruppe. Seit gestern liegen die Einzelergebnisse exakt vor - und erklären dieses Phänomen.

Der Christdemokrat, der mit 837 Stimmen das viertbeste Ergebnis seiner Partei einfuhr, konnte allein 689 Stimmen über die Briefwahl auf sich ziehen. Gebhardt erreichte damit einen traumhaften Anteil von 11,3 Prozent von den 6100 Briefwahlstimmen. In den 37 Wahllokalen war der CDU-Stadtrat am Sonntag vor einer Woche weit weniger erfolgreich: Lediglich 148 Stimmen von insgesamt 28 907 abgegebenen konnte er auf sich vereinen - ganze 0,494 Prozent. Nur jede 200ste Stimme statt jede zehnte.

Otto Schulz: "Das ist nicht plausibel"

Gebhardt ließ bei der Briefwahl sogar "Stimmenkönigin" Katrin Kunert (Linke) hinter sich, die auf 633 kam. Auch die beiden christdemokratischen Zugpferde Hardy Peter Güssau (339 Stimmen) und Jörg Böhme (344) hängte er hier deutlich ab. Das Trio landete aber nach Auszählung aller Wahllokale deutlich vor ihm: Kunert mit 4041, Güssau mit 2826 und Böhme mit 2010 Stimmen.

"Das ist nicht plausibel" hinterfragte gestern Abend im Stadtwahlausschuss Linke-Vertreter Otto Schulz diese eklatante Spreizung, regte eine genauere Prüfung an und enthielt sich bei der Feststellung des Wahlergebnisses.

"Das Abstimmungsverhalten der Wähler entzieht sich unserer Kenntnis", erwiderte Stadtwahlleiter Axel Kleefeldt. Formal sei alles korrekt gelaufen, eine Manipulation schließe er aus. Dass jemand im großen Stil gegen die Vorschrift, dass man nur für vier weitere Personen eine Briefwahlvollmacht vorlegen darf, umgangen habe, kann sich der Wahlleiter nicht vorstellen. "Wenn es beantragt wird, müssen wir das aber prüfen", sagte Kleefeldt und verwies darauf, dass der Stadtrat darüber bei der Feststellung des Ergebnisses entscheiden müsse.

Marcus Faber: "Solch eine Häufung ist kein Zufall"

Beim Landeswahlleiter war Gebhardts Ergebnis gestern nicht bekannt. Dort wurde jetzt der Kreiswahlleiter eingeschaltet. In der Stendaler Politik wird Gebhardts Ergebnis skeptisch gesehen. FDP-Kreisvorsitzender Marcus Faber, selbst Doktor der Politikwissenschaft, meint: "Eine solche Häufung der Stimmen ist so gut wie kein Zufall." Linke-Kreischef Mario Blasche will gar keinen Vorsatz unterstellen: "Vielleicht hat sich ein Zahlendreher eingeschlichen", vermutet er.

Holger Gebhardt erklärt das Ergebnis so: "Ich habe aktiv für mich seit Wochen geworben, viel telefoniert und Menschen ganz direkt angesprochen." Mit 3500 Flyern habe er für sich geworben - "meine Strategie war die aktive Bewerbung und Konzentration auf die Briefwahl, das war anstrengend und zeitraubend".

Auf die Frage, ob er sich sicher sei, dass dabei gegen keine Grundsätze der Briefwahl vorstoßen worden sei, antwortete das Stadtratsmitglied: "Das kann ich eindeutig bejahen."

Selbst wenn es Gebhardts viele Stimmen bei der Briefwahl nicht geben würde - an den 16 Sitzen seiner Fraktion würde das übrigens nichts ändern. Nur er säße dann nicht im neuen Stadtrat.

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