Stendal l "Es gab natürlich Diskussionen auch hier im Haus", bekannte Intendant Alexander Netschajew am Sonnabend. Und zwar, als das Theater der Altmark die Operette "Maske in Blau" auf den Spielplan setzte. Stammt sie doch aus der Feder von Heinz Hentschke, einem Mitglied der nationalsozialistischen Reichstheaterkammer, und wurde 1937 am Berliner Metropol, dessen Direktor Hentschke war, uraufgeführt. Man müsse sich zu der Geschichte dieser Operette "verhalten", so Netschajew. Und das hat das TdA getan. Kurz vor Premierenbeginn gab es im Kaisersaal des Theatercafés ein einführendes Gespräch.

Aud Merkel, Dramaturgin der Stendaler Inszenierung, erläuterte mit Musikwissenschaftler Kevin Clarke und Boris Priebe vom Verlag Felix Bloch Erben die Entstehungsgeschichte der "Maske in Blau" und insgesamt die Situation an deutschen Bühnen nach 1933.Gleich zu Beginn wurden die gravierendsten Unterschiede zwischen Operetten der Zwanzigerjahre und der NS-Zeit erklärt. Priebe: "Es gab eine andere Orchestrierung. Mehr Streicher, weniger Saxophon und Schlagwerk." Jazz-Klänge waren bei den Nazis verpönt. Und dabei waren sie doch beliebt beim deutschen Publikum. Das könne man an den Werken der "Goldenen Zwanziger" erkennen, so Clarke. Die waren immer "dicht am Geschmack der Zeit", denn Subventionen gab es nicht. "Kein Publikum, - keine Aufführung!" Jazzklänge sollte es also nicht mehr geben. Obwohl, so Priebe, "Jazz konnte sich in einigen Werken doch durchsetzen." Die Libretti, also die Textbücher, hätten sich stark verändert. "Weg von frechen, frivolen Farcen", hin zu, wie Clarke ergänzte, "seichten und keinesfalls intellektuellen Inhalten".

Nach 1933 gab es in der deutschen Musiktheaterwelt ein riesiges Vakuum, da viele Texter und Musiker mit Berufsverboten belegt waren. Die Lücke wurde gefüllt, unter anderem mit Fred Raymond, der die Musik zu "Maske und Blau" schrieb. Raymond war zuvor kein Unbekannter, hatte bereits einige Schlager geschrieben, doch nun erhielt seine Karriere Aufschwung. Allerdings nur innerhalb der Grenzen des deutschen Reiches.

Die Operetten der NS-Zeit waren keine Exportschlager mehr. Ganz anders die großen Musikwerke vor 1933. Clarke: "`Im weißen Rössl` lief auch in London und anderen großen Städten." Clarke meinte damit die originale, sehr jazzige Fassung und nicht die "weichgespülte" Version der Fünfziger. Clarke und Priebe erläuterten viele interessante Details über Werke, Autoren, Musiker - die Zuhörer hätten sicherlich gern noch mehr gehört. Aud Merkel verriet einige der Tricks, die sie und Jakob Brenner (Musikalische Leitung) und Sarah Cohrs (Regie) angewandt haben: Neben einem neuen Klanggewand wurden im zweiten Teil einige Raymond-Schlager aus den Zwanzigern eingebaut, das Textbuch wurde verändert, so dass die Handlung frecher und frivoler ist.

Übrigens hatten Hentschke, Raymond und sein Liedtexter Günther Schwenn bereits bei der Entstehung der "Maske" getrickst. Eine Juliska darf natürlich als Ungarin in Italien viel frecher und emanzipierter sein als man es damals von einem deutschen "Mädel" erwartete. Und da Teile der Handlung auch in Argentinien spielen, darf auch die Musik "exotischer" sein.

Die Kritik zur Premiere der Operette finden Sie auf Seite 22.

Die nächste Vorstellung ist am 5. Dezember um 19.30 Uhr im TdA. Karten gibt es unter Telefon: 03931-365777.