Am 18. März 1990 wurde die letzte Volkskammer der DDR gewählt. Vier Männer aus dem heutigen Landkreis Stendal gehörten zu den Abgeordneten. Für die Volksstimme erinnern sie sich daran. Heute: Gerd Gies (CDU).

Stendal l Er habe sich damals nicht darum gerissen, sagt Gerd Gies, aber "nach langem Werben der CDU in Magdeburg" habe er 1987 für den CDU-Kreisvorsitz in Stendal kandidiert - und das Amt übernommen. In diese Zeit fiel, dass er das erste Buch von Gorbatschow gelesen hat. "Da war mir klar, dass die Perestroika nicht an der DDR vorbeigehen kann", sagt der heute 71-Jährige und fügt hinzu: "Als ich das begriffen habe, habe ich gesagt: Da willst du dabei sein." Er erinnert sich an "revolutionäre Anträge" für den CDU-Parteitag 1987, "die aber schon im Vorfeld abgelehnt wurden".

"Ich war ja kein ganz unbeschriebenes Blatt"

Nicht nur in seiner Partei wollte er aktiv dabei sein, sondern auch in der Kommunalpolitik. Und so kandidierte er im Mai 1989 für den Kreistag - mit Erfolg. Als CDU-Kreisvorsitzender gehörte er zu den Unterzeichnern des Wahlaufrufes der Nationalen Front, veröffentlicht am 6. Mai in der Volksstimme. "Aus christlicher Verantwortung entscheiden wir uns am 7. Mai für die Friedenspolitik der DDR", wird der Obertierarzt Dr. Gerd Gies, Mitarbeiter im VEB Fleischkombinat Stendal, zitiert.

Es folgten Monate der Veränderungen - auch für die CDU im Bezirk Magdeburg. Im September 1989 gab es eine Sitzung des erweiterten Bezirksvorstandes, an der der Stendaler Kreisvorsitzende teilnahm. "Es kam zu einer heftigen, hochemotionalen Auseinandersetzung zwischen den Kreisvorsitzenden und dem Sekretariat des Bezirksvorstandes", erzählt Gies, der heute in Berlin lebt. Einige Tage später trat die CDU-Bezirksspitze zurück. All das nennt er "den Hintergrund" dafür, sich nach dem Mauerfall politisch in der ersten Reihe zu engagieren.

Einige Monate später, im Februar 1990, wurde der CDU-Landesverband gegründet, Gerd Gies wurde Landesvorsitzender. Und er wurde für die CDU-Bezirksliste für die Volkskammer-Wahl vorgeschlagen. Gies: "Ich war ja kein ganz unbeschriebenes Blatt." Er war also Kandidat und als Landesvorsitzender einer der Wahlkampf-Macher. Seine eigenen Chancen für ein Mandat schätzte er mit Blick auf die Prognosen - lange galt die SPD als Gewinner - als eher gering ein. "Ich hatte gar nicht damit gerechnet, gewählt zu werden. Ich hatte es anders auf dem Schirm." Am Nachmittag des Wahltages bekam er eine Einladung ins "Ahornblatt", ein Café in Berlin. Dort lief eine Art Talkrunde, und auch der Stendaler wurde auf die Bühne gebeten. "Just in dem Moment gab es die erste Hochrechnung, und so wurde ich als Erster vom Fernsehen zum Ergebnis befragt", erinnert sich der 71-Jährige. Für ihn bedeutete dieses Ergebnis einen Spagat zwischen dem Amt als CDU-Landesvorsitzender und der Arbeit als Abgeordneter, die allein schon tagefüllend war.

"Dankbar dafür, das erleben zu dürfen"

"Diese Volkskammer hat sehr intensiv gearbeitet", sagt Gies, auch wenn "alles sehr provisorisch" gewesen sei. Er selbst hat im Ausschuss Deutsche Einheit mitgearbeitet, hat die "Verhandlungen sehr eng begleitet", erzählt er und erinnert sich an Gespräche darüber mit DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière.

"Ich bin sehr dankbar dafür, das erleben zu dürfen. Es erfüllt mich mit einer gewissen Freude, dass ich dabei war", resümiert Gerd Gies die Monate in der letzten Volkskammer, in der "Politik viel emotionaler betrieben" worden sei, "weil man bestimmte Dinge einfach wollte". Das Besondere an dieser Volkskammer sieht Gies in deren Zusammensetzung: "Sie stellte eher den Bevölkerungsquerschnitt dar als heutige Parlamente."

Ihn selbst zog es dann in die Landespolitik. Er gewann im Herbst 1990 als Spitzenkandidat mit der CDU im neugebildeten Sachsen-Anhalt die Mehrheit und wurde am 28. Oktober erster Ministerpräsident. Das blieb er nur bis Anfang Juli 1991. Mit seinem Rücktritt reagierte er auf Vorwürfe, dass er Abgeordnete mit Stasi-Vorwürfen gedrängt haben soll, auf ihr Landtagsmandat zu verzichten. Bis 1998 blieb Gerd Gies Abgeordneter des Landtages, anschließend wechselte er in die Energiewirtschaft. Heute engagiert er sich unter anderem als Präsident des Bundesverbandes Tierschutz.