Stendal (tp) l Hochkarätig besetzt war die Podiumsdiskussion, die zu dem Thema "Sicherheitspolitik zur Zeit Otto von Bismarcks und heute" im Rahmen des Festaktes diskutiert wurde. Historiker und Publizist Arnulf Baring und der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, tauschten unter der Moderation von Zeit-Herausgeber Josef Joffe ihre Thesen aus. Zur Eröffnung wunderte sich Joffe, dass zum 200. Geburtstag von Bismarck so wenig los sei. Der 200. Geburtstag Abraham Lincolns etwa würde in den USA viel größer gefeiert werden.

"Die Deutschen schämen sich, was nicht nur erbärmlich sondern auch falsch ist", entgegnete Baring. Unangenehm aufgefallen sei ihm auch der Kleinmut der von Bismarcks. Ischinger meinte, es sei schön, dass der Festakt in solch einem bescheidenen Rahmen stattfinde, "er könnte aber auch vor Tausenden in Berlin seinen Platz haben". Die Schwierigkeit am Umgang mit Bismarck zeigte er daran, wie kompliziert es gewesen sei, Anfang der 90er Jahre die Räume im neuen Außenministerium zu benennen. Nach Blumen oder Flüssen sei vorgeschlagen worden, große außenpolitische Figuren der deutschen und europäischen Geschichte sei sein Vorschlag gewesen. Nun gebe es einen Brandt-, einen Stresemann- und einen Europa-, aber keinen Bismarck-Saal.

Ob denn die Politik von Angela Merkel nicht mit der von Bismarcks zu vergleichen sei, sich als Vermittler in der Mitte Europas zu fühlen. "Ich bin zwar ein großer Verehrer der Kanzlerin", legte Baring los, "aber die mit Bismarck zu vergleichen ist Verhöhnung des Altkanzlers." Ischinger sah sich aufgefordert, für Merkel eine Lanze zu brechen und gab zu bedenken, dass Bismarck nicht gegen eine linke Mehrheit regieren musste. Außerdem komme ihre Diplomatie sehr gut an. "Besser Mutti als Macho", fasste es Joffe zusammen.

Baring heizte die Diskussion aber weiter an und meinte, Bismarck wäre völlig entgeistert, dass Deutschland überhaupt keine militärische Macht mehr habe. Dem stimmte Ischinger zu, Europa habe halb so viele Soldaten wie die USA, aber nur etwa 20 bis 30 Prozent von deren Schlagfähigkeit.

"Bismarck war ein großer Führer in Europa, nun wird von Deutschland die Führungsrolle verlangt, kann es die ausfüllen", fragte Joffe. "Wenn ich sehe, wie ängstlich die Familie von Bismarck mit ihrer Vergangenheit umgeht, dann kann ich nur sagen, dass Deutschland mit dieser Rolle überfordert ist", schätzte Baring ein. Ischinger lobte Merkel wiederum für ihre Gratwanderung, die sehr schwierig sei. "Mit einer mütterlichen Umarmung ist es ihr gelungen, den griechischen Ministerpräsidenten Tsipras nach Berlin einzuladen", lieferte er ein Beispiel für den Erfolg dieser Politik gleich hinterher.